Annett Gröschner | Ich schlug meiner Mutter die brennenden Funken ab
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Ich schlug meiner Mutter die brennenden Funken ab

Berliner Schulaufsätze aus dem Jahr 1946

Prenzlauer Berg Museum
Annett Gröschner (Hg.)

376 Seiten, Format 256 x 203 mm
Pappband Halbleinen
mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles
Preis: 20,45 €
ISBN 3-931337-30-8
1996 KONTEXTverlag
[Das Buch ist vergriffen]

Taschenbuchausgabe
Broschiert
ISBN: 3499608340
2001 Rowohlt Tb.
[Das Buch ist vergriffen]

In diesem Band sind Aufsätze aus dem Jahre 1946, in denen Schülerinnen und Schüler aus insgesamt 47 Schulen des Berliner Bezirks Prenzlauer Berg ihre persönlichen Erlebnisse in den letzten Kriegsjahren und der Nachkriegszeit beschreiben, gesammelt. Jeder kennt heutzutage die immer wieder zitierten Dokumente des zerstörten Deutschland im Frühjahr 1945. In Ergänzung zu diesen häufig gezeigten und dadurch vertraut erscheinenden Zeugnissen erzählt die vorliegende Aufsatzsammlung vom Grauen des Krieges und dem Ausmaß der Zerstörung nach Kriegsende, von dem ungewissen Warten in Luftschutzkellern, dem Zusammenbruch jeglicher Ordnung der letzten Kriegstage und den Anfängen neuen Lebens in den Ruinen Berlins.Nach Einstellung der Kriegshandlungen beschreiben hier Schüler die Organisierung des Alltags, die Beschaffung des Lebensnotwendigen. Kinder und Jugendliche erzählen über ihre Gefühle und konfrontieren den heutigen Leser mit ihrer kindlichen und damit direkten Sicht auf die Ereignisse im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg vor fünfzig Jahren. Festgehalten ohne große zeitliche Distanz, sind diese Erinnerungen ein einmaliges, weil authentisches Vermächtnis. Die topographische Genauigkeit der Beschreibung konkreter Personen, Orte und Begebenheiten fordert zu einem Vergleich mit dem vorhandenen Stadtbild auf. Die zurückliegenden Ereignisse bleiben nicht mehr bloß eine abstrakte Größe, sondern erhalten ein vielschichtiges Gesicht und schaffen damit einen Bezug zur Gegenwart.

Der Beschuss
Es war Sonnabend, den 21. April 1945. Meine Mutti sagte zu mir: „Wilma, gehe nicht so weit weg, die Russen schießen. Das ist kein Übungsschießen, wie die Zeitung schreibt.“ Ich sagte: „Nein, nein, ich gehe bloß nach Brot.“ Ich bin nach der Greifenhagener Straße gegangen. Es regnete und war sehr trübes Wetter. Als ich nun so eine Weile anstand, da pfiff es auf einmal so komisch und schlug ein. Ich dachte bei mir, das sind die russischen Granaten. Ich rannte was ich konnte. Ich kam ganz außer Atem zu Hause an. Auf dem Hof traf ich meinen Opa. Er sagte: „Gehe fix in den Keller.“ In einem Nu war ich im Keller, denn ich hatte schreckliche Angst. Um 12 Uhr aßen wir zu Mittag. So ging es 12 Tage den ungewohnten Gang weiter. Ich bin nie aus dem Keller rausgekommen, nur meine Mutti und mein Opa sorgten für das Essen. Am 28. April 1945 fiel auf unseren Hof eine Granate. Meine Mutti stand mit 7 Frauen auf dem Hof, als die Granate einschlug. Meiner Mutti wurden die Beine abgerissen. Meine liebe Mutti wurde am 30. April 1945 beerdigt. Das war mein Erlebnis während des Beschusses. (Wilma D., 6. Klasse der 41. Schule in Berlin Prenzlauer Berg)