Annett Gröschner | null mal x mal 49 frauen
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null mal x mal 49 frauen – eine nummernrevue unerhörter stimmen

frau 1
wenn ich am herd stand und die männer am küchentisch politisierten, habe ich manchmal meine klappe nicht halten können. es war dann für sekunden still, bis sie das unterbrochene gespräch fortsetzten

frau 2
bei meiner flucht habe ich zwei päckchen neo-tampons mitgenommen. ich war nicht dran, aber was wußte eine frau schon von ihrem körper

frau 3
ich würde ja liebend gerne diese geschichten vergessen, aber sie verfolgten mich schon vor meiner geburt

frau 4
an den kreuzungen regelten die russinnen in abendkleidern den verkehr. meins war auch dabei. vor jahrhunderten hatte ich es im hotel esplanade beim ball getragen

frau 5
ich bin per kaiserschnitt auf dem küchentisch zur welt gekommen. meine mutter ist lange tot, den tisch habe ich heute noch

frau 6
ich selbst habe den ersten riß in mein haus geschlagen. manchmal gehe ich im park auf den steinen spazieren

frau 7
wenn ich alt bin, wird nur noch das kind in meinem kopf sein. einmal fiel es vom hirsch und schlug sich das knie auf. später hat nichts mehr so wehgetan

frau 8
mutti hat wasser eingeweckt, im fall daß wir eine lange belagerung haben

frau 9
grab ihn aus, sagte oma, ich will seine knochen sehn

frau 10
ich war die letzte, die durch die kanalisation entkam. niemand machte hinter mir den deckel zu. ich war zu schwach, um ihn zu bewegen. so haben sie den fluchtweg gefunden

frau 11
ich hatte meine eigenen sorgen. zum beispiel mein mann, aber was sag ich da

frau 12
diese stadt glich einem regenwurm. zerrissen war sie doppelt lebendig

frau 13
als er noch lebte, hat er mir scherben ins essen getan. als er tot war, hab ich auf seiner urne getanzt

frau 14
meine mutter hatte noch einen zahn. als sie ihn sahen, schrien sie „baba jaga“ wie „heilige mutter“ und ließen ab von ihr

frau 15
die kalender sind verdorben mit der zeit

frau 16
wenn du eine alte frau bist, kann dir niemand mehr etwas antun

frau 17
früher haben wir uns noch über signale unterhalten, heute reden wir nicht mehr soviel

frau 18
dann verlor sich ihre spur auf dem stadtplan

frau 19
when you give someone your whole heart and he doesn’t want it, you cannot take it back. it’s gone forever

frau 20
die stadt hatte die glückssucherinnen wieder ausgespuckt. jetzt fuhren sie in die vororte zurück

frau 21
unter dem pflaster laufen die toten entlang, bedächtig die steine anhebend

frau 22
wenn ich nach hause kam, lagen acht haufen dreckige wäsche da: meine ganze familie

frau 23
nicht mal ein foto durften wir mitnehmen. wer glaubt mir jetzt, daß ich schwanger war

frau 24
wir waren kinder, aber das wasser mußten wir immer alleine bis zur brunnenstraße tragen

frau 25
ich war köchin im kommando. manchmal hab ich vor ärger kohlenstückchen ins essen getan

frau 26
wenn ich heute die straße langgehe, sehe ich immer noch die brennenden bilder

frau 27
unsere geschwindigkeit war eine andere. wir standen am himmelsrand, und die sputniks rasten an uns vorbei

frau 28
eine der puppen lag auf der straße. als wir sie wieder ins schaufenster stellen wollten, merkten wir, daß es eine tote frau war

frau 29
die hebamme sagte: nachts komme ich nicht. da gab ich mir mühe und hielt das kind auf bis zum morgen

frau 30
eines tages haben wir den rußlandrucksack wieder ausgepackt

frau 31
wir haben einen hohen preis dafür zahlen müssen, daß uns das schicksal der anderen erspart blieb

frau 32
mit dem ruß im gesicht sah ich aus wie ein mädchen, das ruß im gesicht hat

frau 33
vom dach aus mußte ich rufen, daß jetzt frieden sei. dabei war ich doch noch nie schwindelfrei

frau 34
und dann haben wir den butterkuchen mit den glitzernden scherben des küchenfensters gegessen. und siehe da, er schmeckte wunderbar

frau 35
mir fehlen die worte

frau 36
und dann habe ich meine straße genommen und bin ein stück mit ihr spazieren gegangen

frau 37
bezaubernd wollte ich nie sein, weil mir die opferrolle nicht liegt

frau 38
am liebsten haben wir ermorden gespielt. ich durfte auch mal die mörderin sein

frau 39
ich hatte vor, früh zu sterben. aber immer kam etwas dazwischen. ein kind, ein messer, das den tod wegschnitt. das fenster war nicht hoch, die pilze nicht giftig genug

frau 40
als er mir ein halbes jahr leben versaut hatte, hab ich beschlossen ein halbes jahr länger zu leben

frau 41
und dann trat die liebe zwischen das gespräch

frau 42
nimm dich in acht, sagte die alte. wer einmal den krieg gesehen hat, wird ihn nie wieder los. wie recht sie hatte. als ich nach hause kam, stand mein haus in flammen

frau 43
ich saß in der küche und lud meinem sohn das gewehr nach. er war ein schlechter schütze. da nahm ich das ding selbst in die hand

frau 44 über frau 45 bis 49
aber die anderen blieben stumm und rubbelten unsichtbare flecken aus selbstgeschneiderten kleidern