Annett Gröschner | Linie 4 in Warschau
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Einmal längs durch Warschau
Mit der Straßenbahnlinie 4 von Ursynow nach Zoliborz

Eine Hochhaussiedlung der siebziger Jahre mit großen Satellitenschüsseln an den winzigen Balkonen, eine Filiale von McDonalds mit weithin sichtbarem goldenen M, eine Autobahnauffahrt. Auf den ersten Blick wüßte man nicht, wo man sich befindet, sollte man aus Versehen mit dem Fallschirm hier landen. Der Fishburger ist im Sonderangebot für 3.50 zu haben. Eine Währung ist nicht angegeben. Sie heißt Zloty und wird in den Finanzseiten der großen internationalen Zeitungen als überbewertet beschrieben. Hinter der Ausfallstraße soll laut Stadtplan die Warschauer Pferderennbahn Wyscigi liegen. Von der Endstelle der Straßenbahnlinien 4, 19 und 33 aus ist sie nicht zu sehen, vielleicht hat man die postmodernen Betonklötze mit den Spitzgiebeln auf ihren Grund gebaut oder das gläserne Bürohaus mit der Nestlereklame, das einen leeren Eindruck macht. Das ist nicht die Peripherie von Warschau, es ist ihr Anfang.

Der Dispatcher schaut fern, der Apparat flackert. Rechts und links bewegen sich Autos auf den in weiten Bögen die Endhaltestelle umspannenden Auffahrten. Wer Warschau verlassen will, kann es hier versuchen. Wer ins Zentrum will, sollte die 4 nehmen.

Die Straßen rechts von der mit hoher Geschwindigkeit Richtung Innenstadt fahrenden Straßenbahn tragen Namen deutscher Komponisten. Johann-Sebastian Bach hat die längste Straße bekommen. Sie endet nicht bei Sonaten und Kantaten, sondern bei McDonalds Fishburgern und den Buden, von denen einige auch Wechselstuben sind. Der US-Dollar steht mit 3.92 Zloty zum Verkauf, 0,04 Zloty mehr als letzten Samstag.

Sollte man ein Charakteristikum von Warschau nennen, das nichts mit den üblichen Sehenswürdigkeiten zu tun hat, dann sind es die Buden. Sie kommen auf der Stufenleiter des Handels knapp vor den Tapeziertischen unter freiem Himmel. In der Innenstadt hat man die meisten der Händler inzwischen in Hallen verbannt, hier stehen die Gebilde aus verschiedensten Baumaterialien dicht an dicht an der Hauptstraße auf eingezäunten Plätzen. Am Samstagnachmittag sind es leere Hüllen.

Die Linie 4 hat 28 Haltestellen, die auf fünf Magistralen verteilt sind – die Pulawska, die Marszalkowska, die Andersa, Mickiewicz und Slowackiego. Die Pulawska ist eine unendlich lange Straße, die über 600 Nummern hat. Die Straßenbahn Nummer 4 bedient nur das erste Drittel. Wer hier in den siebziger oder achtziger Jahren eine Wohnung bekam, konnte von Glück reden. Jetzt fährt durch Urynow sogar die erste U-Bahnlinie, deren Planung und Bau eine unendliche Geschichte ist.

Der April geht seinem Ende zu und zum ersten Mal ist es etwas wärmer. Der Winter war lang, wie zuletzt 1968, sagen die Warschauer und trotz der Sonne wollte der Schnee noch Mitte April in den zahlreichen öffentlichen Parkanlagen nicht tauen. Jetzt haben die Buden mit der Lizenz zum Alkoholausschank die Bänke an die Ausfallstraße gestellt. Das haben die vier Männer, die an der Haltestelle Wilanowska einsteigen, offensichtlich genossen. Sie schwanken schon, was aber im Sitzen nicht auffällt. Da sind sie nur laut, zeigen ihre Handys und können sich nicht einigen, wer das schönste hat. In der Bahn sind nach drei Haltestellen alle Sitzplätze vergeben.

„Ja, ich bin Europäer“, verkündet ein junger Mann von riesigen Werbetafeln, die entlang der Pulawska stehen und votiert für ein Ja zur EU. Zwar hat die Europäische Union einer Aufnahme Polens in ihre Reihen zugestimmt, aber das Volk muß noch entscheiden – und viele sind unschlüssig. Sie fragen sich, ob eine Mitgliedschaft die wirtschaftliche Lage nicht noch schlimmer machen wird.

Die Jugendkultur des Scheibenzerkratzens hat sich auch ohne EU-Mitgliedschaft von Alteuropa bis hierher verbreitet.

Hinter den Häusern überragt eine Sprungschanze die Dächer, die seltsam deplaziert wirkt in der Stadt. An der Stelle, wo die Pulawska sich in Marszalkowska und Warynskiegostraße teilt, steht das Europlexcenter, ein gläsernes Einkaufszentrum mit angeschlossenem Kino, das aussieht, als wäre es an dieser Stelle der Stadt zufällig abgeworfen worden wie ein Carepaket. Quer über die Straße rennt eine Gruppe Jugendlicher, Popcorntüten schwenkend, auf die Straßenbahn zu.

Drei Typen Straßenbahnen sind auf der Strecke unterwegs. Alte, aus den fünfziger Jahren stammende Wagen, tschechische Tatrabahnen aus den siebziger Jahren, die es auch noch in vielen ostdeutschen Städten gibt und neue Niederflurbahnen. Wenn die Triebwagen der alten quietschenden Bahnen als Hänger fahren, kann man auf dem Platz des Fahrers sitzen, was sie vor allem bei Kindern begehrt macht, auch bei den jugendlichen Kinogängern. Ein Pickliger stürzt sich sofort auf die Fahrerbucht und lädt eine kichernde Blonde ein, mit ihm mitzufahren. Er reißt das Fenster auf und schreit nach hinten so etwas wie: „Störts Euch, Frauen?“, und die Frauen, die hinter dem Fahrersitz sitzen, rufen im Chor: „Ja“, worauf der Junge das Fenster sofort wieder schließt. Alle lachen. An der nächsten Haltestelle steigt die Gruppe wieder aus. Inzwischen sind auch die Stehplätze besetzt. Daß viele Menschen die Warschauer Straßenbahn benutzen, ist auch daran zu sehen, daß es mehr Türen und weniger Sitze im Wagen gibt. Der Platz wird für die Stehplätze gebraucht.

Die Marszalkowska ist die Stalinallee von Warschau und wie alle Stalinalleen der Welt zeichnet sie sich durch eine nicht ortsübliche Breite und wuchtige Häuser aus, in deren Erdgeschoßzonen sich zu sozialistischen Zeiten oft Gaststätten befreundeter Länder befanden. Das Restaurant Berlin hat die neuen Zeiten nicht überstanden. Nur die Leuchtreklame blinkt noch ihr BerlinBerlin. Hinter den Fensterscheiben werden Elektrogeräte angeboten. An den Wänden der Arkaden sind überlebensgroße Werktätige in den Stein gemeißelt. Vor dem ehemaligen Restaurant ist es eine gigantische Hortnerin mit riesigen Brüsten, und man weiß nicht, ob sie das Kind unter sich nun beschützt oder bedroht.

Wenige hundert Meter weiter steht an regenfreien Tagen eine Frau mit ihrem im Rollstuhl sitzenden Kind stundenlang unbeweglich, die eine Hand am Griff des Rollstuhles, die andere hält ein Schild, das ihrer beider finanzielle Notlage schildert. Der Junge hat die Tasche mit dem Geld auf dem Schoß.

In Warschau kann man dem Kapitalismus bei seinem Übergang von der ursprünglichen Akkumulation zur Marktwirtschaft westeuropäischen Zuschnitts zusehen. Die Kinder derer, die mit unklaren Geschäften reich wurden, sitzen in den amerikanischen Coffeeshops wie dem Green Café am Ende der Marszalkowska, wo der Milchkaffee Latte Macchiato heisst und die Kanapki wie Ciabatta aussehen und auch so teuer sind. Die jungen Menschen passen Kleidung und Habitus nach in jede EU-Behörde.

Gegenüber wird die Fassade des grau gewordenen Hotels Metropol zur Hälfte und zehn Etagen hoch von einer Reklame für das Warschauer Telefonbuch verhüllt. Der es anpreist, erinnert an eine Mischung aus Karel Gott und Hugh Grant. Gegen Abend huschen Noten neben seinem Gesicht empor – es ist die alte Leuchtreklame des Metropol Jazz Clubs. Auch gegenüber, hinter dem runden Bankgebäude, traut man den Fassaden nicht und hat eine Alpenlandschaft vorgehängt, die gute Aussicht verspricht.

Hier ist die größte Kreuzung der Stadt und ihre Mitte. In den späten Nachmittagsstunden der Werktage gibt es mehr Fahrzeuge als Platz auf dem Kreisverkehr. Der nicht endende Stau wird mit Hilfe von Polizisten und Ampeln geregelt, in der Mitte des Rondells stehen Polizeifahrzeuge bereit, Verkehrssünder abzukassieren und liegengebliebene Fahrzeuge aus dem Weg zu schieben.

Der Platz linkerhand wird von einem wuchtigen Bau eingenommen, dessen Spitze mit der Uhr man schon über die ganze Strecke näherkommen sehen konnte. Unbedarfte könnten das Gebäude für einen etwas zu groß geratenen Königspalast halten, andere sprechen von Stalins Hochzeitsgeschenk. Im Grunde genommen war es ein Trojanisches Pferd. Als das Haus mit einer Grundfläche von einer Million Quadratmetern 1955 nach drei Jahren Bauzeit beendet wurde, war Stalin tot und auch einige der sowjetischen Arbeiter hatten den Bau nicht überlebt. Die Warschauer haben das Geschenk nie gemocht, Ausländer um so mehr. „Klein, aber fein“, ist der kürzeste Witz, den es über den Kulturpalast gibt. In den ausladenden Hallen bröckeln die Marmorplatten des Fußbodens.

Rundherum versuchen neue Wolkenkratzer den Palast an Höhe zu übertrumpfen. Gegenüber ducken sich drei Kaufhäuser, die wie ein Riegel die Sicht auf die dahinterliegenden alten Straßen versperren.

In einem alten DDR-Reiseführer über Warschau von 1980 wird das Ensemble aus drei Wohnhochhäusern, acht Zehngeschossern, dem Rundbau der PKO-Sparkasse und den Kaufhäusern als „OSTWAND, das moderne Zentrum der polnischen Hauptstadt“ beschrieben. In ihrem Schatten ist der Wind nicht so stark, der beständig durch Warschau weht.

Jüngere stehen in der Straßenbahn noch auf, wenn Ältere zusteigen. Ein alter Mann lüftet als Dank leicht den Hut vor einer Frau, die sich anschickt, ihm ihren Platz anzubieten. Ab und an werden vor dem Aussteigen Handküsse an die Damen verteilt, ein Relikt, von Männern jenseits der Fünfzig über die unfreundlichen Zeiten gerettet.

An der Swietokrzyska will eine der mittleren Türen des Waggons nicht mehr schließen. Nach einer Weile kommt der Fahrer bedächtig nach hinten geschlendert, drückt die Tür mit beiden Händen zu und schlendert wieder in sein Fahrerhäuschen zurück. Er trägt Gesundheitssandalen zur Uniform, was den Eindruck vermittelt, die Tür habe ihn bei seiner Lieblingsfreizeitbeschäftigung gestört. Sie blockiert weiter. Die ersten steigen aus. Der Fahrer kommt noch einmal vorbei und bittet, in den Triebwagen zu wechseln. Es ist ein komisches Bild. Der erste Wagen eine Stopfgans, der zweite leer, so geht es weiter die Marszalkowska hinunter. Niemand regt sich auf, es scheint normal zu sein. Rechts neben den Schienen zieht sich der Sächsischer Garten entlang, dessen Anlage aus der ersten Hälfte der des 18. Jahrhunderts stammt. Andere Grünanlagen sind jüngeren Datums. Unter der Grasnarbe befindet sich das alte Warschau.

Auf der anderen Straßenseite beschreibt ein Gebäude einen Bogen. Es ist das Hotel Saski, das von allen Hotelgästen verlassen zu sein scheint. Dahinter zog sich das Warschauer Ghetto entlang, dessen Spuren die Deutschen, die 1943 und 44 die Warschauer Innenstadt systematisch in Schutt und Asche legten, für immer verwischen wollten. Nach dem Krieg waren die Schuttberge so gewaltig, daß man die neuen Häuser in sie hineinbaute, die Fundamente drei Kellern tief im Erdreich verankert. Daß die Vergangenheit arbeitet, sieht man an den Rissen in den Häuserwänden und den Steinen, die sich aus dem Erdreich emporarbeiten. Und wenn man eines der Treppenhäuser betritt, weiß man, daß die Geschichte ausatmet.