Annett Gröschner | Linie 4 in Hildesheim
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Hildesheimer Abende
Von Itzum nach Himmelsthür

Kolumne, der Freitag online, 14.01.2005

Auf dem Hügel von Itzum, gleich hinter der Katholischen Kirche St. Georg, kann man bei klarem Wetter die Ausläufer des Harzes sehen. Mitten auf dem Feld steht eine kleine weiße Imbissbude. Sie ist geschlossen, und es gibt an dieser Stelle auch keine Begründung, warum sie jemals geöffnet sein sollte. Es hat mehr den Anschein, als habe jemand die Herstellung von Pommes Frites so gründlich übergehabt, dass er die Bude hier ihrem Schicksal überließ.

Der Bus Nummer 4 hat am Ortsausgang seine Endstelle, aber kein Fahrgast steigt aus, um den Ausblick zu genießen.

Itzum ist heute ein Ortsteil von Hildesheim, nachdem es über Jahrhunderte Besitzung der Kirche war. Vor der Wende hatte ich eine Freundin, die von allen nur Hilde genannt wurde. Wir hatten uns vorgenommen, dass der erste Ort im Westen, den wir als Rentnerinnen aufsuchen wollten, Hildesheim sein sollte. Ich war mit Hilde nie in Hildesheim, obwohl es uns dann doch schon mit Mitte 20 möglich gewesen wäre. Unsere Wege trennten sich vorher, und es sollten 15 Jahre vergehen, bis ich in diese Stadt kam.

Es ist kaum Verkehr auf der Hauptstraße von Itzum, das Dorf scheint in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein, aber wahrscheinlich arbeiten die meisten Bewohner in der Stadt. Man könnte hier, wenn man wollte, von der Straße essen, so einen aufgeräumten Eindruck macht es.

Der Bus fährt vom südöstlichsten Zipfel über die Innenstadt bis in den Nordwesten Hildesheims und – knocking on heaven´s door – zum Rand von Himmelthür. Hinter Itzum muss der Bus aber erst einmal durch schmale Straßen an endlos scheinenden Eigenheimsiedlungen vorbei. Auf der rechten Seite erstreckt sich die Marienburger Höhe mit Galgenberg und Brockenblick. Der Bus hält vor der Universität. Im Internet wird jede Minute eine Webcamaufnahme vom Innenhof übertragen. An diesem Sonntag ist es in Hildesheim leicht sonnig, und man kann am Horizont die Kirchtürme sehen.

Vom Gesichtspunkt der ästhetischen Kommunikation, die hier auch gelehrt wird, ist die Universität architektonisch weder besonders ästhetisch noch kommunikativ. Die Gebäude sind nach Buchstaben geordnet, und bei der Suche nach einem bestimmten Vorlesungssaal kann man sich schnell verlaufen. Es gibt hier Professoren, die bei ihren Vorlesungen Jungsbands spielen lassen und dafür von den Studentinnen mit besonders sorgfältig angefertigten Seminararbeiten belohnt werden. In diesem Semester werden die Studenten mit Digitalkameras losgeschickt, um das Hildesheimer Leben festzuhalten. Zum Beispiel im Bus, wo es auch ein Schwarz-Weiß-Fotoapparat tun würde. Hildesheimer Busbenutzer tragen im Winter gedeckte Kleidung. Jedes tiefdunkle Rot, Grasgrün oder Meeresblau tut den Augen weh, weil es so ungewöhnlich ist.

Es ist fast unmöglich, die Buslinie abzulaufen, denn jeder, der die Stadt durchquert, muss das Netz von Schnellstraßen nutzen, das Hildesheim unschön zerschneidet – eine Errungenschaft der Nachkriegszeit. Vor dem 22. März 1945 war Hildesheim eine leidlich beschädigte Stadt mit 1.500 Fachwerkhäusern, danach gab es nur noch den Namen und zwischen den Bergen von Schutt eine Ahnung einstiger Straßenverläufe. Die einstigen Einkaufsstraßen wurden wieder vollständig aufgebaut, freilich mit diesen „Es-soll-alles-wieder-so-gemütlich-werden-wie-vorm-Krieg“-Häusern. An der Schuhstraße, von wo aus man in die Fußgängerzone Hildesheims gelangt, ist der Treffpunkt aller Buslinien der Stadt.

„Wie kommt Hilde heim?“, fragt eine Reklame an einem vorüberfahrenden Bus und gibt selbstverständlich gleich die Antwort: Mit dem neuen Abendliniennetz und dem Anruf-Sammeltaxi. Mit der Schließung der Kaufhäuser fahren die Busse in Hildesheim nur noch im Halbstundentakt. Bis dahin dauert es noch zwei Stunden. Ein Schock Seniorinnen mit Tüten steigt zu, ihnen folgen Mütter mit Kinderwagen, bis der Platz nicht mehr reicht. „Die biologische Uhr tickt“, sagt eine Frau zu ihrer Nachbarin und schaut dabei leicht abwesend auf die Kinderwagen. Der Bus fährt vorbei an Dom und Volkshochschule, an einer alten Wassermühle und einem schicken neuen Museumsbau entlang über den Fluss Innerste, hinter dem die Innenstadt zu Ende ist. Die Passagiere werden einer nach dem anderen wieder auf die Straße entlassen, bis der Bus wieder so leer ist wie in Itzum.

Die Endstelle der Linie 4 liegt am Rande von Himmelsthür, dessen „Himmlisches Postamt“ jedes Jahr Bestimmungsort für Tausende von Briefen an den Weihnachtsmann ist. Der Ortsteil selbst hat heute nur noch einen Postshop bei Polstermöbel Griese. Der Weihnachtsmann von Himmelsthür, ein pensionierter Postbeamter, sitzt in einem Nebengebäude der Hauptpost von Hildesheim und leitet fünf Engel an, die angeblich jeden der 50.000 Briefe beantwortet haben sollen.