Annett Gröschner | Leseprobe
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Heimischer Fischdialog im Reisblatt
Kapitel2: Sonett vom Anfang
Kapitel 3: Die Stadt in der Stadt
Kapitel 4: Die Stadt in der Stadt
Kapitel 5: Bevölkerung in der radioaktiven Spur
Kapitel 6: Alles auf Null
Kapitel 7: Ein Castor fährt nie rückwärts
Epilog

Kapitel 1: Heimischer Fischdialog im Reisblatt

[Fontane:] Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hier und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt „der Stechlin“. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hier und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht darüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles ist still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig.

[Die Traktorenlyrikerin:] Durch das Spalier der schlanken Kiefernstämme/ Blinkst du herüber, wie ein Spiegel klar,/Nur eines jähen Zornes Wogenkämme/Gemahnen noch an Sage und Gefahr.

[Werte unserer Heimat, 1974:] Dem Wanderer aber erschließt sich die Formenwelt einer Glaziallandschaft, deren geologischer Bau durch das Eiszeitalter mit seinen drei norddeutschen Inlandvereisungen bestimmt wird. Die pleistozänen Schichten erreichen hier stellenweise Mächtigkeiten von mehr als 200 Metern.

[Der Darmstädter Ökologe:] Nach vier Jahren erst habe ich bemerkt, daß gleich hinter dem Werk der Stechlin liegt.

[Die Kybernetiker:] Die Geschichte nahm mit dem Zurichten von Steinen und deren Verwendung als Gerätschaft zum bewußten Einwirken auf die Natur ihren Anfang. Die Erfahrungen des Produzenten bei der Auswahl des Rohstoffes wie bei der Herstellung und Handhabung der Steinwerkzeuge führten in seinem Gehirn zu Erregungsmuster. Der Mensch entwickelte sich durch einen auf Erfolg und Mißerfolg beruhenden Lernprozeß, der ihn in die Lage versetzte, sich in seiner Umwelt zunehmend besser zu behaupten.

[Prinz Heinrich:] Wanderer, erinnere dich, daß Vollkommenheit nicht ist auf Erden.

[Tagebuch der Brigitte Reimann, 1955:] Ich landete nach einer mehr als zehnstündigen, sehr beschwerlichen Fahrt mit Herzklopfen in Rheinsberg. Dort ist die Welt mit Brettern vernagelt, die Eisenbahnlinie endet hier, das Städtchen ist winzig und kulturlos und hat nichts vom Lärm anderer Städte.

[Die Chefsekretärin:] Als wir in Rheinsberg ankamen, lief das Wasser noch den Rinnstein entlang. Da war ich ganz entsetzt, das kannte ich nicht.

[Die Deutschlehrerin:] Als ich den Namen meines Einsatzortes erfuhr, habe ich Wassereimer vollgeheult, die Tränen sind mir waagerecht aus den Augen geschossen. Ich dachte immer, ich kann nur in einer Großstadt leben.

[Der Forscher:] Rheinsberg war ein Teil der brandenburgischen Streusandbüchse, ein bißchen zurückgeblieben. Der Aufbau des Kraftwerks war für die Stadt mit einer gewissen Verbesserung der Lebensbedingungen verbunden.

[Der Bürgermeister:] Daß Wissenschafter und Ingenieure hierhergezogen sind, die einen bestimmten Lebensanspruch hatten, hat die Stadt schon verändert. Sie ist weltoffener geworden.

[Die Stadtschreiberin:] Als es die ersten Pläne für ein Kernkraftwerke gab, wurden in einem Dorf nur wenige Kilometer weiter in einer feierlichen Zeremonie sämtliche Petroleumlampen der Einwohner an einer Stelle im Ort vergraben. Das Dorf hatte zum ersten Mal elektrischen Strom. 1952 gab es in Mecklenburg 46 Gemeinden ohne Stromanschluß, in Brandenburg waren es 9. Dazu kamen noch 509 geschlossene Ortsteile.

[Stimme aus Tschernobyl:] Wie heißt es doch? Ein friedliches Atom in jedes Haus!