Annett Gröschner | Leseprobe
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Bitte betreten Sie die Fahrbahn erst, wenn die Bahn in den Haltestellenbereich eingefahren ist

Ein Geleitwort durch das Liniennetz

Meine Vorliebe für die Erkundung der Stadt mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel verdanke ich einer Unaufmerksamkeit beim Einsteigen in die Straßenbahn. Im Herbst 1983, frisch nach Ostberlin umgezogen, stieg ich an der Haltestelle Kupfergraben hinter der Humboldt-Universität statt in die 70, die mich in die Schönhauser Allee bringen sollte, in die 71. Ich hatte keinen Stadtplan dabei und traute mich nicht, einen Ortskundigen zu fragen. Ich hätte die nächste Bahn in die Gegenrichtung nehmen können, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzugelangen, aber dann fuhr ich doch bis zur Endstelle in Heinersdorf. Ich war neugierig. Irgendwann machten die Gründerzeithäuser und Sozialsiedlungen der zwanziger und fünfziger Jahre ausgedehnten Kleingartenanlagen Platz. Ich fuhr an einem zerschossenen Wasserturm vorbei, die Bahn quälte sich durch eine Dorfstraße, bog an der Kirche nach links und hielt vor einem kurz vor dem Verfall stehenden Haus, dessen Putz vor nicht allzulanger Zeit in großen Fladen herabgefallen war. Hinter dem Torbogen erstreckte sich ein verlassener Hof, der Gartenzaun war mit Stacheldraht gesichert. Eine Haltestelle weiter war die Fahrt zu Ende. Es gab nichts, was mich hätte verweilen lassen, aber ich wußte nun, wie Heinersdorf aussah.

Damals gab es noch die alten Straßenbahnen aus Gotha, die in den Kurven quietschten. Und es gab Schienen im Straßenpflaster, auf denen längst keine Bahn mehr fuhr. In der Wollankstraße führten die Schienenstränge unter der Mauer hindurch, und, so nahm ich an, auch weiter bis in den Wedding hinein, der auf den Ostberliner Stadtplänen nur als weißer Fleck mit der Bezeichnung Berlin (West) abgebildet war. Stärker als das weiße Band der Mauer, das sich mitten durch Berlin zog, haben mich diese vergessenen Schienen beeindruckt. Es waren Brüche, die durch die Stadt gingen, der im östlichen Teil die Spuren des Krieges damals noch deutlich anzusehen waren.

Ich habe diese Fahrten ins Blaue oder nach Jottwedee, wie alteingesessene Berliner sagen, auch in späteren Jahren beibehalten. In Prag stand ich an der Endstelle im schwarzen Schlamm einer Chemiefabrik, in Paris mußte ich Strafe zahlen, weil ich das System der wechselnden Tarifzonen nicht begriff, in Budapest wußte ich am Ende der Linie nicht mehr, ob ich noch in Ungarn bin, und die Fahrt bis zur Endstelle einer Trolleybuslinie in Moskau bezahlte ich beinahe mit dem Leben.

„Zukunftsfahren in der neuen vollklimatisierten Niederflurstraßenbahn“, verkündete im Herbst 2001 eine Werbung an einem Zug der Straßenbahnlinie 20. Das klingt gut, entspricht aber nicht den Realitäten. Mit Zukunft hat das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin wenig zu tun, eher mit Alltag. Mitunter auch mit Abenteuer. In den zwanziger Jahren ließen die Schriftsteller der Großstadtliteratur ihre Protagonisten gerne mit der Elektrischen quer durch die Stadt reisen. Das ist ein bißchen aus der Mode gekommen.

Damals gab es Linien, die von Reinickendorf bis Britz fuhren oder von Buckow bis Tegel, einmal quer durch die Stadt und manchmal hundert Minuten unterwegs. In voller Länge genutzt hat sie auch damals kaum jemand. Es gab und gibt schnellere Verkehrsmittel, die U-Bahn oder die S-Bahn. Nur wer die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit relativ ungestörtem Lesen verbinden will, macht sich die Mühe des Umsteigens nicht.

Wie klein die Lobby der Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel in Berlin ist, zeigt die Tatsache, daß es bis heute nur eine Straßenbahnstrecke gibt, die die unsichtbare Grenze zwischen Ost- und Westberlin überschreitet und daß es dreizehn Jahre dauerte, den Vollring der S-Bahn zu schließen, mit dessen Hilfe sich Generationen abenteuerlustiger Kinder die Stadt erschlossen.

Berliner kennen sich im Allgemeinen in ihrer Stadt schlecht aus. Ausnahmen sind Taxifahrer und Gasableser. Das unterscheidet Berlin nicht von anderen Großstädten der Welt. In Berlin kommen 28 Jahre Teilung hinzu. Noch immer gibt es Leute, die noch nie den anderen Teil der Stadt gesehen haben. Ihre Zahl mag, verglichen mit der Einwohnerzahl Berlins, gering sein. Größer ist die Zahl der Leute, die nur den Weg von der Arbeit nach Hause und umgekehrt kennen. Wer fährt schon in den Britzer Garten, wenn der Friedrichshain vor der Tür liegt? Was verschlägt einen Reinickendorfer nach Hellersdorf und umgekehrt? Die BVG brachte mich in Gegenden, in die ich nie aus freien Stücken gekommen wäre. S gab keinen Grund.

Bus und Bahn zu fahren heißt, die Oberfläche der Stadt zu betrachten. Man fährt an den Orten vorbei, ohne in die Tiefe sehen zu können. Die Zusammenhänge erstellen sich in Bildfolgen. Der Blick aus dem Fenster, der Blick in den Innenraum und manchmal auch der Blick nach nach außen gekehrte Innere eines Menschen. Aber in Berlin lassen sich auch an den Oberflächen die Verwerfungen der Geschichte noch deutlich ablesen. Man muß nur zweimal hingucken. Für meine Fahrten durch die Stadt habe ich Bücher gewälzt und Archive und Ausstellungen besucht, bin unterwegs ausgestiegen und spazieren gegangen. Oft fährt man achtlos an Gebäuden vorbei, deren Geschichte an den Fassaden allein nicht ablesbar ist und sich erst entblättert, wenn man hinter die Kulissen schaut.

Der Fahrplan der Berliner Verkehrsbetriebe verzeichnet in seiner jüngsten Ausgabe 30 Straßenbahnlinien, 238 Buslinien und sechs Fährlinien. Dazu kommen noch 65 Nachtverbindungen. Alle abzufahren würde bedeuten, jahrelang unterwegs zu sein.

In diesem Buch sind Fahrten mit vier Straßenbahnlinien, 13 Buslinien, einer Fähre, und einem Nachtbus versammelt. Ein Kriterium der Auswahl war, ob die Linie unsichtbare soziale, kulturelle und auch politische Grenzen überschreitet. Es gibt seit über hundert Jahren und jenseits der politischen Teilung in Berlin soziale und kulturelle Segregationen, die heute zwar nicht so scharf sind wie in Städten wie New York, Paris oder London, aber bei einer Fahrt mit durch die Stadt deutlich zu spüren sind.

In den mehr als zwei Jahren, die ich in Berlin „professionell“ Bus und Bahn fuhr, hat sich in der Stadt, nicht nur äußerlich, vieles verändert. Als ich im Sommer 1999 die erste Buslinie, den 257er Bus, beschrieb, nannte ich den Text: Vom Schlachthof zum Kanzler. Das Kanzleramt war noch im ehemaligen Staatsratsgebäude am Schloßplatz in Mitte, an dem die Buslinie 257 vorbeifuhr. Inzwischen ist es in einen Neubau am Tiergarten gezogen. Den Titel müßte ich auch heute nicht ändern. Die Linie wanderte mit dem Kanzler mit und fährt nun am neuen Kanzleramt vorbei. Die BVG hat die Linienführungen vieler Busse inzwischen verändert, einige neu eingerichtet, andere, wie den 157er, eins der legendäre Ostberliner 57er Bus, vollkommen eingestellt. Gebäude wurden abgerissen und neue gebaut, die Bonner haben sich mehr oder weniger integriert wie in anderen Jahrhunderten die Hugenotten, Schlesier, Galizier oder Türken.

Das Gros der Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel sind, neben den Berufspendlern, Jugendliche vor dem Erwerb des Führerscheins, ältere Frauen und Mütter mit Kindern. Sie trifft man in jeder Linie und zu jeder Tageszeit, und die Offenheit, mit der sie private Dinge in der Öffentlichkeit ausplaudern, läßt darauf schließen, daß Bus oder Straßenbahn nicht mehr und nicht weniger als eine Verlängerung des Wohnzimmers sind. Autofahrer, die gezwungen sind, auf ein öffentliches Verkehrsmittel umzusteigen, sei es, weil der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren ging oder das Auto in der Werkstatt ist, erkennt man sofort. Sie wissen nicht, wie man bei unfreundlichen Fahrern unbeschadet einen Fahrschein erwirbt oder wie herum ein Ticket in den Entwerter gesteckt werden muß. Auf dem Oberdeck des Doppelstockbusses stoßen sie sich sofort den Kopf. Auch tragen viele zu helle Mäntel, um eine Reise mit dem öffentlichen Nahverkehr unbefleckt zu überstehen.

Auf meiner Reise durch die Stadt bin ich auch immer wieder liebenswürdigen Freaks begegnet, deren Hobby Bus und Bahn in allen ihren Erscheinungsformen sind. Die Spezies der Leute, die die öffentlichen Verkehrsmittel zu ihrem Hobby erklärt haben, sind meistens ältere, leicht melancholische Männer, die die Merchandising-Produkte an Handgelenken und über den Schultern tragen und die Fahrpläne ihrer Lieblingsstrecken auswendig kennen.

Die Idee, durch Berlin zu reisen, hatte ich schon lange. Aber eine Linie, die fünfzehn oder mehr Kilometer durch die Stadt fährt, läßt sich nicht mit 2000 Druckzeichen abhandeln. Erst mit dem Erscheinen der „Berliner Seiten“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahr 1999 ergab sich die Möglichkeit, in unregelmäßigen Abständen eine dieser Geschichten in der Zeitung unterzubringen. Die dort erschienenen Artikelerscheinen in diesem Band in voller Länge.

Bedanken möchte ich mich bei der Pressestelle der BVG, die mir für zwei Fahrten Busfahrer vermittelte, die das Klischee der unfreundlichen Berliner Busfahrer ganz und gar nicht bestätigten.

Auf meinem Reisen begleitete mich der Fotograf Arwed Messmer mit einer russischen Panoramakamera namens Horizont. Manchmal erforderte die russische Technik russische Methoden der Improvisation. In der Silvesternacht 1999 riß auf der Potsdamer Straße der Film und konnte in der Dunkelheit eines Mantelärmels gerettet werden.