Der 20. Januar, mein Sohn und die amerikanischen Präsidenten, immer noch ohne *, _, I
Am selben Tag als mein Sohn auf die Welt kam, wurde der 41. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Er war das kleinere Übel als der Schauspieler vor ihm. Die Agonie war dabei, sich in Wut zu verwandeln, wir schauten eher in die Sowjetunion und dann auf uns, wie wir Kinderwagen durch Mauerlöcher schoben, Bush sen. wirkte wie ein Zaungast der Weltpolitik, der er nicht war. Wir gingen auf Demos gegen den ersten Golfkrieg. Krieg in Echtzeit im Fernsehapparat, wir hatten keinen, wir lasen Zeitung und hörten Radio. Wir waren überhaupt viele Jahre auf Demos, bis die Kinder nicht mehr wollten. Dann kam als 42. Präsident, Clinton, der Zahnpastalächler ohne Inhalieren, mein Sohn spielte mit Lego und entdeckte Startrek, wir lebten ein paar Jahre im Raumschiff in einer besseren Welt und luden zum Kindergeburtstag ins Schwimmbad, das bald schloss, weil Berlin pleite war. Dann wurde mein Sohn 12 und der 43. Präsident lachte in die Kamera (wir hatten wieder einen Fernseher), dass man nicht wusste, ob er es ernst meinte. Die Frage blieb, ob er überhaupt mit rechten Mitteln an die Macht gekommen war und wurde dann unerheblich. Am 12. September 2001 schrieb mein Sohn einen Brief an jenen George Bush jun., dass er keine vorschnellen Entscheidungen treffen solle und schloss mit dem Satz, wir Kinder wollen Frieden, Dein F. Seit dem zweiten Golfkrieg ging mein Sohn wieder zu Demos, mal mit mir, mal ohne mich. Im Gefolge der Bush-jun.-Zeit kamen die Egoshooterspiele auf die Computer und die LAN-Partys ließen den Stromzähler rasen. Als Bush jun. 2005 zum zweiten Mal vereidigt wurde, war mein Sohn schon abgeklärter als ich. Vier Jahre später, mit den Obamas kamen (zeitweise) Hoffnung und Glamour, schwankte der Abiturient zwischen Journalismus und Politikwissenschaft und entschied sich, pragmatischer als ich (aber für die Realität nicht pragmatisch genug) für Letzteres. Mein Sohn wird heut 28, wieder ist Vereidigung, diesmal die eines betrunkenen Elefanten (zit. n. Alexander Kluge), und ich habe zum ersten Mal eine tiefe Angst um die Zukunft der Tochter meines Sohnes.
