Annett Gröschner | Szenenwechsel
653
page-template-default,page,page-id-653,page-child,parent-pageid-651,ajax_fade,page_not_loaded,,select-child-theme-ver-1.0.0,select-theme-ver-4.6,fs-menu-animation-underline,wpb-js-composer js-comp-ver-5.5.5,vc_responsive

Szenenwechsel

Essay, in: ZERSAMMELT, Die inoffizielle Literaturszene der DDR nach 1990, Theater der Zeit, Recherchen 6, Berlin 2001. Siehe auch FAZ vom 17. März 2001

Erinnerungen an die neunziger Jahre

Wenn Prenzlauer Berg zum Mythos wird, dann ist es was Dauerhaftes, das hält sich Tausende Jahre. Er muß nie existiert haben, der Mythos reicht aus. Man sollte ihn fördern. Der Geist schwebt darüber, und damit ist die Sache gelaufen.
Gerhard Hillich in „Durchgangszimmer Prenzlauer Berg.“
Am 1. Januar 2001 um 12 Uhr mittags wurde im Pankower Rathaus das neue Bezirksamt vereidigt. Prenzlauer Berg als Bezirk hat mit dem nun endgültig angebrochenen neuen Jahrtausend aufgehört zu existieren. Es war sogar noch schlimmer gekommen als vorausgeahnt. Eine heilige Allianz aus Pankowern hatte fern aller Parteien in der Bezirksverordnetenversammlung des neuen Großbezirks Prenzlauer Berg-Pankow-Weißensee mit einfacher Mehrheit geschafft, den Großbezirk in Pankow umzubenennen.

Der neue Bezirksvorsteher tänzelte im leeren Saal auf und ab und bat die neuen Stadträte um ihre „Unterschriftsleistung.“ Eine Frau wies ihn darauf hin, daß die Hand zum Schwur gehoben werden müsse. Die neuen Stadträte murmelten mit nun erhobener rechter Hand, daß sie das Grundgesetz und die Verfassung von Berlin achten und ihre Arbeit in bester Qualität und zum Wohle der Bürger leisten wollen und mindestens zwei riefen noch ein „So wahr mir Gott helfe“ in den Raum. Ein provinzieller Akt durch und durch, begossen mit billigem Sekt und schnell über die Bühne gebracht, um das gute Wetter für einen Spaziergang durch den Pankower Schloßpark zu nutzen. Einige Tage später erklärte der neue Bürgermeister, ein Mann aus Rosenthal, in der SFB-Abendschau, was Prenzlauer Berg an seiner Identität fehle, sei ein Bürgerfest wie das alljährliche Pankower „Fest an der Panke“, und er wolle sich dafür einsetzen, daß es auch um den Kollwitzplatz demnächst soetwas gebe. Die Prenzlauer Berger sind über Nacht bei den Gartenzwergen gelandet, ohne sich einen Meter von der Stelle bewegt zu haben.

Wenige Tage vorher war Aljoscha Rompe beerdigt worden. Er war in seinem Wohnwagen unweit der Kneipen, die in den Berliner Programmzeitschriften gern als Szeneetablissements beworben werden, gestorben. Als amtliche Todesursache wurde ein Asthmaanfall angegeben. Aljoscha Rompe war der Frontmann der Gruppe Feeling B gewesen, die wiederum die Prenzlauer Berger Musikszene im Umfeld des Punk anführte und über vielerlei Wege mit den Literaten verknüpft war. Nach der Wende hatten die Musiker ein Haus in der Schönhauser Allee besetzt und eine politische Bewegung begründet – Wydocks. Ende der neunziger Jahre war das Haus von einem Investor verkauft und entmietet worden. Solange es ging, hatte Rompe in der Ruine ausgeharrt, zuletzt allein, bis es nicht mehr ging und er sich einen Wohnwagen kaufte. Ein Teil seiner Bandmitglieder hatte inzwischen unter dem Namen „Rammstein“ die Charts der Welt erobert.

Die Veranstaltungsreihe war 1996 gegründet worden, weil die aus der Prenzlauer Berger Untergrundkultur vervorgegangene und immer klamme Zeitschrift SKLAVEN ihren Autoren keine Honorare zahlen konnte. Hier hatten sie die Möglichkeit, für ein paar Mark ihre Texte einem breiteren Publikum vorzulesen. Jüngere, noch völlig unbekannte Autoren traten das erste Mal öffentlich auf. Aber auch die alte Szene gab ihr Stelldichein: Adolf Endler, Lothar Trolle, Detlef Opitz, Peter Brasch, Ulrich Zieger, Wolfgang Hilbig, Jochen Berg, J.M. Koerbl, Uwe Warnke und Lothar Feix lasen hier. Bald kamen Dia- und Filmabende, Performances und Talkshows hinzu. Alles war provisorisch, die Baracke im Prater nicht beheizbar. Prenzlauer Berg war noch nicht total vermarktet und die Regierung noch nicht umgezogen. Die neuen Betreiber des Prater hatten die Betriebsgenehmigung vom Kulturamt nur unter der Bedingung bekommen, den Ort partiell weiter als Kulturstätte zu nutzen.

Ein Jahr später kam es zum Streit mit den Pächtern wegen vermeintlichem Bierschmuggel. Der Prater war inzwischen etabliert. Hier gingen Prominente essen, und der Sklavenmarkt mit seinem Programm paßte nicht mehr in die prosperierende Landschaft.

So begann eine Odyssee durch verschiedene Kneipen und Kultureinrichtungen. Als die Bedingungen in der Restauration Walden endlich ideal waren – ein abgeschlossener Raum, freundliche Pächter, nicht allzuhohe Bierpreise, erlahmte das Engagement der Mitstreiter. Die Förderung durch das Kulturamt war durch die vielen Haushaltssperren monatelang ausgeblieben. Die Organisatoren hatten fast fünf Jahre, ohne einen Pfennig Geld, jede Woche ein Programm auf die Beine gestellt.

Guillaume Paoli, einer der Protagonisten des Sklaven-Marktes erinnert sich in dem kürzlich erschienenen Band „Utopie und Verlust. Zum Werden und Vergehen einer Veranstaltungsreihe im Unterleib von Berlin“: „Es gab kein Wir, sondern eine zeitbedingte Zusammenkunft von Individualisten – zumal die Kiezintelligenz, weil sie genug Freizeit dafür hatte, tat, was Intellektuelle überhaupt am liebsten tun: das übliche Spiel von Verschwörung, Verdacht und Verrat. Aber da waren wir uns einig: Auf Erfolg wurde kein Wert gelegt. Wir waren keine Agentur zur Förderung benachteiligter Ostler und nicht einmal eine Besoffenenvertretung. Dahinter wollen nun manche Beobachter eine kluge „no-name“ Marketingstrategie gewittert haben. Quatsch. Es war nur Trägheit und eine gewisse Vorliebe für das Scheitern. Das Torpedokäfer- und 1.FC-Union-Syndrom, sozusagen.“

Ab und an stellte sich das Feuilleton ein, dasselbe, das Prenzlauer Berg in den achtziger Jahren zur Untergrundkulturlandschaft gehypt hatte. Sie haben alles geglaubt, was man ihnen auftischte, zum Beispiel, daß wir angaben, nicht zu wissen, wo Charlottenburg liegt. Das hat eine Weile Spaß gemacht. Nach dem dritten Journalisten wurde es langweilig.

Eine wichtige Frage im Umkreis der SKLAVEN war die von Gretchen. Die Antworten waren verschieden. Leninist, Trotzkist, Demokrat, Anarchist. Ich hielt es mit Anna Nass – eine autonome Republik, deren Erfinderin längst im Wedding wohnte.

Als bei den SKLAVEN der übliche Streit persönlich wurde, gründete ich mit drei Redakteuren SKLAVENaufstand. Nach einem Jahr ging das Geld aus, das einer von uns mit dem Verfertigen von RTL-Serien verdient hatte. Zwei Redakteure gingen zu Basisdruck zurück und wurden dort GEGNER.

Die neunziger Jahre waren eine Übergangszeit. Viele, die den Prenzlauer Berg in den Jahren zuvor in Richtung Westen verlassen hatten, kehrten zurück, die meisten ernüchtert. Andere, die bis zum Fall der Mauer geblieben waren, wanderten ab. Manche wechselten den Beruf. Einer brachte es bis zum Immobilienspekulanten mit Büro am Kudamm. Wieder andere begannen endlich ein Studium, das ihnen zu DDR-Zeiten verwehrt war. Zechkumpane und Untergrundkulturarbeiter von einst fanden sich auf zwei Seiten eines Schreibtisches wieder. Der eine war Bezirksstadtrat für Soziales, der andere auf Sozialhilfe angewiesen. Wenn es mit der Literatur nichts wurde, konnte man immer noch eine Kneipe gründen und vor oder hinter dem Tresen Reden gegen den Kapitalismus und seine literarische Hochkultur halten, bewaffnet mit Bier gegen die Jugend, der es immer öfter nach Mix-, Rühr und Schüttelgetränken dürstete.

Von den Leuten, die bis Mitte der neunziger aus der ganzen Welt, vor allem aus Westdeutschland, in den Prenzlauer Berg kamen, trennte uns nur wenig, vor allem nicht das Geld. Es waren Leute, die sich ausprobieren wollten und die aus ähnlichen Beweggründen kamen wie die zwanzig Jahre vor ihnen: eine billige Behausung mit Gleichgesinnten in der Nähe. So spielte die Frage: „Wo kommst du her“ nur eine sehr marginale Rolle, es sei denn, jemand machte eine Ideologie aus seiner ostdeutschen oder westdeutschen Biographie.

Die Freiräume schränkten sich mehr und mehr ein, als sich das Prinzip Eigentum vor Entschädigung auch im Prenzlauer Berg durchzusetzen begann. Der Ort wurde zur größten Baustelle nach dem Potsdamer Platz, und die unbeheizbaren billigen Höhlen mit Außentoilette eine Seltenheit.

Die meisten, die in den achtziger Jahren zwischen Wiener Café und Mosaik hin- und herpendelten, sind heute vierzig, nicht mehr zwanzig. Die juvenile Phase ist vorbei. Sie war eine Erfahrung, und wie Uwe Johnson einmal in Bezug auf seine Jugend in der DDR formulierte: „Was da an Biographie gestiftet wurde, war nicht alles notwendig zum Leben.“ Aber auch die Prenzlauer Berger Rechnung verträgt es, offen zu bleiben. Der Ort schuf Freiräume, sich auszuprobieren. Nicht jeder war ein Künstler. Es war die Chance, einen Ort zu beleben, der von der Stadt schon aufgegeben war. In diesem Sinne war Prenzlauer Berg Teil eines internationalen Prozesses in urbanen Räumen. Nicht von ungefähr haben Besucher aus dem westlichen Ausland beim Spaziergang durch die Straßen sich wahlweise an die Bronx oder Soho erinnert. Wer wissen, will, wie es damals zuging, sollte „Durchgangszimmer Prenzlauer Berg“ lesen. Diese Zeit ist unwiderruflich vorbei. Prenzlauer Berg rückte vom Rand ins feuilletonistische Zentrum, der Untergrund wurde nach oben gekehrt oder wie Guillaume Paoli schrieb: „Auf der Suche nach pikanten Verweigererstories drängten sensationshungrige Westjournalisten in das Viertel wie ins Asterix-Dorf. Währenddessen griffen verzweifelte Sozialbehörden nach Sondermaßnahmen, um die Überzahl an brotlosen Dichtern und sonstigen Kunstparasiten in die Arbeitssimulation einzuführen. All diese Erscheinungen und die damit verbundenen Existenzen wurden in den Medientopf geworfen, um eine fette Szene zu kochen. DIE famose Prenzlauer Berger Szene, deren Beweis ausschließlich in der Presse liegt.“

Zum Ende der neunziger Jahre wurde die Gegend um den Kollwitzplatz lukrativ für in die Jahre gekommene Alt-Achtundsechziger, die Kreuzberg und die großen Städte der Bundesrepublik satt hatten. Sie kauften Wohnungen oder gleich ganze Häuser und sanierten sie mit öffentlichen Mitteln. Es war schick geworden, hierherzuziehen.

Nie werde ich vergessen, wie ich bei einer Lesung meinen Ohren nicht trauen wollte, als die Moderatorin mit Freunde feststellte, daß jetzt auch endlich Schriftsteller in den Bezirk zögen. Ich kam mir vor wie eine Indianerin zwischen lauter Cowboys.

Literatur:
Anne Hahn/Guillaume Paoli, Utopie und Verlust. Zum Werden und Vergehen einer Veranstaltungsreihe im Unterleib Berlins, Berlin: Lukas Verlag, 2000
Barbara Felsmann/Annett Gröschner, Durchgangszimmer Prenzlauer Berg. Eine Künstlersozialgeschichte in Selbstauskünften, Berlin: Lukas Verlag, 1999 und 2012