Annett Gröschner | Sklavenaufstand
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Sklavenaufstand

1994 wurde von den Autoren Bert Papenfuß, Stefan Döring und Wolfram Kempe sowie den Verlegern des BasisDruckverlages Stefan Ret und Klaus Wolfram in Berlin die Zeitschrift SKLAVEN gegründet. Ab Heft 3 kam Annett Gröschner hinzu. Titel und Konzeption gingen auf ein nicht realisiertes Zeitschriftenprojekt Franz Jungs aus den zwanziger Jahren zurück. Ausgangsort der Unternehmung war der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, der sich zur Zeit der Gründung der Zeitschrift durch Zuzüge aus dem Westen, Hausbesetzungen und Eigentumsrückübertragung mit nachfolgender Gentrifizierung und Bevölkerungsaustausch im Umbruch befand. SKLAVEN wollte die künstlerische und politische Opposition auf den Feldern der Literatur, Politik, Ökonomie und Geschichte zusammenbringen. Schwerpunkt jeder Nummer waren Texte von und Auseinandersetzungen mit Franz Jung und seinem Umfeld.

Ausgehend von der Zeitschrift entstand 1996 die Veranstaltungsreihe SKLAVEN Markt, die bie 2000 existierte und sich zunehmend von der Zeitschrift emanzipierte.

Aufgrund von politischen und ästhetischen Zwistigkeiten kam es im Januar 1998, einer beliebten linken Tradition folgend, zur Spaltung der Redaktion. Annett Gröschner, Andreas Hansen, Wolfram Kempe und Bert Papenfuß verließen den BasisDruckverlag und gründeten die unabhängige Zeitschrift SKLAVENAUFSTAND, die neun Nummern hervorbrachte und ein Jahr überstand.

Aus den BasisDruck-SKLAVEN wurde im Oktober 1999 die Zeitschrift GEGNER, die bis heute in unregelmäßigen Abständen erscheint.

Von Ausgabe 44/45 bis 50 gehörten Annett Gröschner, Andreas Hansen, Wolfram Kempe und Bert Papenfuß der Redaktion an, ab Heft 52 kamen für Andreas Hansen Renate Koßmann und Knofo Kröcher hinzu. Herausgeber waren lbs und petersen press.

Anne Hahn/Guillaume Paoli
SKLAVENMARKT. Utopie und Verlust. Zum Werden und Vergehen einer Veranstaltungsreihe im Unterleib Berlins, Lukas Verlag, 2000

Presse

Susanne Messmer am 9. April 1998 in der taz Berlin lokal Kultur
Texte, lustiger, als sie aussehen
Statt einer Zeitschrift für Literatur, Ökonomie und Philosophie liegen in den Kneipen nun zwei: Sklaven hat sich gespalten

Zunächst schien da nur freudlose Bleiwüste, grau wie billiges Klopapier. Hochglanzästhetik war nie das Ding des Sklaven, der Zeitschrift für Literatur, Ökonomie und Philosophie. Gegründet wurde sie vor vier Jahren von einer Schar bewegter Dichter aus Prenzlauer Berg, die sich auf ihren geistigen Über-Opa Franz Jung beriefen, seinerzeit Romancier, Dramaturg, Ökonom, Revolutionär, Schiffsräuber und Administrator in einer russischen Metallfabrik. Wie er interessierten sie sich nicht für Literaturbeflissenheit.

Das war auch der Grund, warum Sklaven ein Versteck für lauter Texte wurde, die sich lustiger lasen, als sie aussahen. Wolfram Kempe trug in seiner T-Tag-Reihe fast monatlich Absonderlichkeiten des Alltags zusammen, schrieb über westdeutsche Insektenforscher und deren Neugier auf Nutzinsekten und Schädlinge in den neuen Bundesländern und über Kreuzberger Läden, die das wirkliche Leben verkaufen. Bert Papenfuß veröffentlichte immer wieder seine scharf nörgelnde Trümmerlyrik, und Annett Gröschner verfaßte großartige Texte, von denen vor allem die ironische Schilderung eines Tages „Auf Arbeitsamt“ haften geblieben ist.

Wirklich schade ist es trotzdem nicht, daß sich der Sklaven gespalten, daß Wolfram Kempe, Bert Papenfuß, Annett Gröschner und Andreas Hansen den Sklaven verlassen, einen eigenen Verlag gegründet und im März den Sklavenaufstand angezettelt haben. Es gibt keinen Grund für Krokodilstränen. In den einschlägigen Kneipen im Prenzlauer Berg liegen jetzt halt zwei Zeitschriften aus: Der Sklavenaufstand und der alte Sklaven, herausgegeben von Stefan Döring, Thomas Martin und den Verlegern des bisherigen Sklaven-Verlags BasisDruck, Stefan Ret und Klaus Wolfram. Denn was wäre ein politisch korrekter Sklave ohne einen Sklavenaufstand?

Der Grund für die Spaltung des Sklaven lag weniger in ästhetischen oder politischen Differenzen. Vielmehr ging es um Machtfragen. Während der BasisDruck den jetzt Aufständischen und vor allem Bert Papenfuß schon seit einiger Zeit vorwarf, die inhaltliche Ausrichtung der Zeitschrift an sich gerissen zu haben, waren die Aufständischen, die sich tatsächlich viel stärker für Autorenbeschaffung, Vertrieb und Werbung engagierten als die Verleger, mit deren Arbeit unzufrieden. Heute werfen sie den Verlegern vor, ein Besitzrecht auf den Sklaven angemeldet zu haben, weil sie den Druck der Zeitschrift finanziert hatten. Tatsächlich gipfelte der Streit in der Auseinandersetzung um den „Sklavenmarkt“, der wöchentlichen Lesereihe des Sklaven. Der hatte inzwischen Eigendynamik entwickelt und wurde sogar vom Kulturamt unterstützt.

Die Verleger von BasisDruck fühlten sich ausgeschlossen. Sich an monatlichen Produktionssitzungen zu beteiligen, lehnten sie ab. Statt dessen forderten sie eine finanzielle Beteiligung am Budget des Sklavenmarkts. Als daraufhin Ausschlußanträge auftauchten, kam es zur Spaltung.

Die Ironie dieser Geschichte will es, daß nun ausgerechnet dem freien Markt überlassen ist, wer das Rennen macht. Geht man davon aus, daß sich Literatur besser verkauft, die nicht ganz so verbissen daherkommt, wird der Sklavenaufstand siegen. Auch wenn sich bisher noch keine Autoren polarisiert haben, sind die Aufständischen nicht nur die aufgeweckteren Redakteure, sondern auch die aufgeschlosseneren Autoren.

Davon kann auch das neue blaue Gewand des alten Sklaven nicht ablenken: Hier geht es eher lustlos zu. Klaus Wolfram doziert über sein Verhältnis zur Bürgerbewegung, Stefan Döring dichtet wehmütig darüber, daß „unsere Bewegung keine Bewegung“ war. Im Sklavenaufstand dagegen wirft Papenfuß wie gewohnt auch mal einen Blick über die Mauern seiner Prenzlauer Burg: „draußen im speckgürtel albaner / strauchritter & andere werktätige / ringsum sumpf & übungsgelände“. Es gibt eine unschlagbare Bastelanleitung „How to sing the Blues“ (incl. „DDR-Fassung“), und Gröschner spinnt ihre Arbeitslosen-Erfahrungen fort, indem sie sich an den Zug der protestierenden Arbeitslosen Berlins am 5. Februar erinnert: „Der Lautsprecherwagen grüßte das Haus der Demokratie als Pfahl im Fleisch des Kapitals, nur leider vom Tode bedroht, und die letzte Mitarbeiterin des Hauses nahm vom Balkon die Grußbotschaft entgegen, indem sie wie Honecker von der Tribüne winkte.“

Mark Siemons in der F.A.Z., 26. März 1998, S.43
Erben im Rätseljahr. Die Ost-Berliner Zeitschrift „Sklaven“ hat sich gespalten
„Für jeden, der noch auf ein Zusammengehen von Kunst, Ironie und Klassenkampf hoffte, mußte die Nachricht Ende des vergangenen Jahres wie ein Schock wirken: Die Redaktion der einschlägigen Ost-Berliner Zeitschrift (F.A.Z. vom 19. Februar 1997) hatte sich zerstritten. Der Dichter Bert Papenfuß, einer der Gründer des Unternehmens,  verließ mit der Schriftstellerin Annett Gröschner und dem Franz-Jung-Forscher Andreas Hansen das Mutterhaus und rief den „Sklavenaufstand“ aus. (…) Im Übrigen scheinen beide Zeitschriften das Erbe der „Sklaven“ würdig in die neue Ära hinüberzuretten. Wenn man denn einen unterschiedlichen Akzent herausdestillieren will, so macht der „Sklavenaufstand“ einen etwas beschwingteren und die „Sklaven“ einen etwas rätselhafteren Eindruck; aber das Verhältnis mag sich schon mit der nächsten Ausgabe umkehren.“

Dirk Rudolph im scheinschlag, Nr. 6/1998
Krise beendet. Die Zeitschrift SKLAVEN hat jetzt zwei Nachfolger
„Beide verstehen sich als Weiterführung der vormals gemeinsam betriebenen Sklaven. Im Januar hatte man sich, einer schönen linken Tradition folgend, gespalten. Nun denn.“