Annett Gröschner | Leseproben
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Anfänge

Die erste Berührung mit dem Prenzlauer Berg hatte ich einen Tag vor Weihnachten. Ich war sechzehn und zu einer Disko in den Franzclub gegangen.

Ich komme nicht aus Berlin, sondern aus einer Kreisstadt bei Cottbus, aus Wilhelm-Pieck-Stadt Guben. Fast alle, mit denen man in Berlin zu tun hatte, kamen woanders her.

In Cottbus bin ich geboren, danach kamen drei Jahre Neustrelitz, dann zogen wir an den Kollwitzplatz.

Ich war eine Hausgeburt in der Metzer Straße. Durch das Dach, unter dem meine Eltern mit mir und meiner Schwester wohnten, soll es immer durchgeregnet haben. 1962 zogen wir in die Christinenstraße, und in diesem Haus wohne ich heute noch.

Bis auf ein paar Jahre in der Winsstraße habe ich die wesentliche Zeit im LSD-Viertel verbracht, vor allem in der Dunckerstraße. Als Kind bin ich dort auch in die Schule gegangen, in die 20. POS, die war in dem Schulgebäude vor der Brücke.

In der Kindheit und Jugend zerfiel Berlin für mich eher in Gegenden, in denen man zu Hause war oder nicht, als in Bezirke. Wichtig waren zum Beispiel die U-Bahn-Strecke zwischen Pankow und Alex sowie die Schönhauser Allee. Das war für mich Berlin.

1971 bin ich zum ersten Mal in die DDR gekommen, als Student zu einem Austausch. In Böhlen sollte ein Chemiekombinat entstehen, und wir haben dort in einer Studentenbrigade mit Schaufel und Hacke gearbeitet.

Ich bin richtig in Berlin geboren und aufgewachsen. Darauf war ich früher sehr stolz.

Unglückseligerweise bin ich kein Berliner, denn ich wurde in einem Mütter­gene­sungsheim in Bärwalde geboren. Das liegt heute in Polen, gleich hinter der Grenze.

Ich wohnte bis 1970 in Rostock, fuhr aber ab 1967 regelmäßig an den Wochenenden nach Berlin. Mein Bruder lebte in Westberlin am Kudamm in einer SDS-Kommune mit Rudi Dutschke.

Mitte der sechziger Jahre habe ich zum ersten Mal den Boden des Prenzlauer Berg betreten. Wobei der Begriff Prenzlauer Berg damals ähnlich besetzt war wie heute.

Als ich 1970 in den Prenzlauer Berg zog, gab es dort noch keine Szene. Der Kollwitzplatz war noch kein Begriff, das wurde er erst Ende der siebziger Jahre. Als andere dann anfingen, ihn schick zu finden, sah ich das alles sehr gelassen und mit einer gewissen Amüsiertheit.

Ich kannte Berlin nicht. Es faszinierte mich, mit der U-Bahn zu fahren, plötzlich wurde die U-Bahn zur Hochbahn, und ich kam da oben auf dem Bahnhof Dimitroffstraße an. Ich hatte noch nie zuvor eine so abgewrackte Gegend gesehen und noch nie so enge Hinterhöfe.

Die erste Zeit in Berlin war furchtbar. Meine Wohnung war in der Winsstraße, Hinter­hof parterre, den Himmel konnte man nur sehen, wenn man schräg aus dem Fenster geguckt hat. Ich war richtig unglücklich und wollte wieder nach Hause in mein kleines Städtchen bei Dresden.

In den Prenzlauer Berg kam ich eher zufällig, habe aber dort immer sehr gerne gelebt. Er hat eine unverwechselbare Atmosphäre, auch heute noch.

Mit der Stadt kam ich überhaupt nicht klar, obwohl ich Berlin bereits kannte, weil drei meiner Geschwister hier lebten. Ich flüchtete jedes Wochenende. Entweder trampte ich nach Hause oder zu meinem Freund nach Naumburg.

Meine Berufsschule war in der Greifswalder, aber in der Zeit habe ich eigentlich nicht viel wahrgenommen von diesem Bezirk. Nur ein Mal bin ich früher vom Unterricht abgehauen und mußte die Zeit irgendwie totschlagen. Und da bin ich von der Greifs­walder in eine der Querstraßen abgebogen, über die Prenzlauer weg, und war plötzlich am Wasserturm. Ich wußte gar nicht, wo ich bin und wie ich zur nächsten S-Bahn komme. Das war wie ein Ausflug in eine fremde Welt.

Berlin war gut für zwei, drei Tage, man kam am Freitagnachmittag her und bis Montag war eben Party – es gab viele Kneipen, viele Leute und viele Affären. Wohnen wollte ich aber erst mal noch nicht hier.

Ich wurde in Treuenbrietzen geboren und ging dort auch zur Schule. Mit siebzehn, ich war in der elften Klasse, wurde ich schwanger. Unmittelbar nach dem Abitur ging ich mit Monique nach Berlin.

Ich bin schon ein ganz alter Knochen, bin 1948 in Mühlhausen in Thüringen geboren. Meine Eltern hatten eine Bäckerei, und so lernte auch ich erst einmal Konditor, in Gotha.

Als ich vierzehn war, machte in unserem Haus in der Oranienburger, Ecke Krausnickstraße ein Jugendclub auf. Die Musik über den Hof fand ich ziemlich gut, und vor allem war’s laut.

1969 kam ich in die Lettestraße am Helmholtzplatz. Damals dachte ich, nur weg hier.

Ich kam also nach Berlin und wohnte erst mal in einem Studentenwohnheim in Rummelsburg.

1972 war ich plötzlich Diplom-Ingenieur. So bin ich 1972 nach Berlin gezogen, aber eher widerwillig, weil ich eigentlich noch in Weimar bleiben wollte.

1968 bin ich hierher gezogen, als ich geheiratet hatte. Ich hatte nicht das Gefühl, daß ich in einem lebenden Ding bin, im Gegenteil, ich weiß noch ganz genau, wie furchtbar mir die Kneipen vorkamen, und erst auf den Fotos von Helga Paris hab ich gesehen, da ist Leben.

Ich kam aus einer Stadt, die absolut klassizistisches Maß hat, dieses Weimar, wo die Gebäudehöhen, die Verhältnisse von Fenster zu Türen einfach stimmten. Das war für mich erst mal alles verzerrt in Berlin. Und dann war die erste enorme Wahr­nehmung, daß in den Cafés der Bierhahn tropfte. Das habe ich für eine enorme Sensation gehalten, weil es mir wie Freiheit vorkam.

Mit siebzehn sah ich im Kino den Film »Solo Sunny« von Konrad Wolf, der ja im Prenzlauer Berg spielte. Das verkommene Hinterhaus dort mit den gurrenden Tauben und der ratternden S-Bahn hinter der Böschung fand ich unendlich romantisch. Es war irgendwie klar, ich muß weg aus Magdeburg.

Behausungen

Zuerst mußtest du rauskriegen, wie lange die Wohnung schon leerstand. Wenn die länger als ein halbes Jahr unbewohnt war, hattest du eine Chance. Dann mußtest du am Tag gegen elf oder zwölf Uhr, also ja nicht zu spät, in die Wohnung kommen. Fast jede Wohnung war mit einem Dietrich zu öffnen, und das mußte schnell vor sich gehen. Und dann mußte man schnell rauskriegen, wo die Miete eingezahlt wird. Nach einem halben Jahr ging man dann zur KWV und sagte, oh Sünde, Sünde, und dann ging’s nur noch um die Höhe der Strafe.

Eine andere Schwierigkeit war, daß man Anfang der siebziger für Berlin noch eine Zuzugsgenehmigung brauchte. In meiner Verzweiflung erwog ich ernsthaft zu heiraten, rein formal. Aber kurz bevor wir uns beim Standesamt anmelden konnten, wurde diese Verordnung abgeschafft.

Selbstverständlich war es eine Frau, zu der ich gezogen bin.

Wir haben eine Wohnung in der Schönhauser Allee aufgebrochen. Darin standen ein Sofa und ganz viele Bierflaschen. Überall lagen uralte Energierechnungen herum, die nicht bezahlt waren. Ich dachte eine ganze Weile, das ist bestimmt eine Knast­wohnung und irgendwann kommt der Typ, der die Rechnungen nicht bezahlt hat, zurück.

Das Schlimmste war das Außenklo, da war die Tür rausgefault, das ließ sich nicht benutzen. Mein Freund konnte ja ganz gut in den Ausguß pinkeln, aber ich mußte jeden Morgen aufs U-Bahn-Klo unter dem Magistratsschirm, gleich neben Konnopke.

Ich holte jemanden von der Hygienekommission und zeigte ihm, daß der Teppich und die Möbel und die Schuhe, die auf dem Fußboden standen, schimmelten, aber das Gutachten wurde nicht anerkannt. Ich sollte erst einmal ein Kind bekommen, und dieses Kind sollte möglichst Asthma oder TBC haben.

Mit achtzehn wollte ich etwas Eigenes und zog in eine elende dunkle Parterre­wohnung in der Kopenhagener Straße. Ich strich den Korridor dunkelgrün und die Küche orange. Im Berliner Zimmer hatte jede Wand eine andere Farbe. Das fand ich ungeheuer modern. Wenn es einen Rohrbruch gab, flossen immer die Klospülungen von vier Stockwerken bei mir durch. Dann der Aufstieg nach der Eheschließung in den vierten Stock. Nach der Geburt unserer Tochter hatte der Staatsapparat die grenzenlose Güte, mir die Ausdehnung in die benachbarte Einzimmerwohnung zu gestatten. Unser Wohnungsantrag war zehn Jahre lang bearbeitet worden. Ich bin also im Prenzlauer Berg in ein- und derselben Straße hängengeblieben. Vielleicht muß ich mal einen Psychotherapeuten aufsuchen.

Nach zwei Jahren haben wir endlich in dem Eckhaus Schwedter/ Ecke Gleimstraße eine Wohnung bekommen, zwei Räume mit einem kleinen Balkon mit Blick über die Bahngleise nach Wedding. Da dauerte aber der Frieden nicht lange. Im Sommer 1962 kamen wir aus dem Urlaub, und da stand ein Polizist vor unserer Haustür und wollte uns nicht reinlassen, weil wir keinen Passierschein für das Grenzgebiet hatten, zu dem inzwischen auch unser Haus gehörte. Unser Hauseingang wurde gesperrt, man kam nur über die Nebenstraße in die Wohnung und für jeden Besucher, egal wer es war, mußte man extra einen Passierschein beantragen.

Der Pfarrer von Gethsemane besorgte uns eine Wohnung in der Gaudystraße. Das war eine Anderthalbzimmerwohnung, die wir mit einer neunzigjährigen Dame teilen mußten. Die Frau war vergessen worden von der Welt.

In der Christburger hatten wir so eine Art WG, die aus meiner Freundin, dem Freund beim Theater und mir bestand. Ungefähr zwei Monate wohnte auch Nina Hagen bei uns, die unser Leben ganz durcheinanderbrachte, weil sie völlig chaotisch war.

Seltsamerweise wohnten alle Freunde entweder ganz unten oder ganz oben, ein Zimmer, Küche, Außenklo. Das mußte einfach so sein. Es mußte im Winter einfrieren, und man mußte sich über dem Toaster die Hände wärmen, damit man später seinen Kindern erzählen kann, wie schwer man es hatte.

Die Küche und ein Nebenraum waren nicht beheizbar. Da habe ich auf einen glühenden Toaster eine Wasserschüssel gestellt, die sich dann erwärmte und anfing zu dampfen, und das war die Heizung.

Als mir das erste Mal das Wasser einfror, habe ich in meiner Naivität gedacht, zum Abwaschen kannst du dir ja Schnee holen. Der sah so schön weiß aus, aber als er dann getaut war, war es eine eklige Brühe.

Diese Wohnungen wurden immer weitergegeben, deshalb verbinde ich in der Erinnerung völlig verschiedene Leute mit derselben Wohnung.

Das Schöne in Berlin war ja, immer bei Katastrophen hat man die Leute kennen­gelernt, und da dauernd Katastrophen waren, hatte man am Ende ganz viele Bekannte.

Dann lebte ich fast ein Jahr lang in einer Gartenremise in der Erich-Weinert-Straße. Die Wohnung gehörte einem Musikkritiker. Man ging zum Haus durch ein schattiges Gärtchen, ich lebte wie ein Bohemien. Es war sehr romantisch, allerdings alles voll mit Taubenscheiße und sehr dunkel.

Meine Wohnung bestand komplett aus Sperrmüll. Mein Bett war ein altes Sprungfedergestell mit vier Hohlblocksteinen als Füßen, das krachte regelmäßig zusammen.

Damals klauten wir nachts auf den Baustellen ständig Bretter, mit Mörtel bedreckte, aber schöne, kräftige Bohlen. Die hobelten wir ab und bauten Bücherregale und daraus.

Einmal haben wir für einen meiner Freunde eine Wohnung in der Oderberger besetzt. Und das Phänomen war, als wir alle Möbel drinhatten, und uns so den ersten Kaffee machen nach getaner Arbeit, hören wir es rumpeln, und plötzlich läuft jemand den Flur lang, und das war jemand, der diese Wohnung auch besetzen wollte, der kam eben nur zwei Stunden zu spät.

Durch Zufall bekam ich die Möglichkeit, als Untermieter die Ladenwohnung eines Bekannten mitzunutzen. Wenn du zu mir wolltest, konntest du nicht anders als von der Straße aus klopfen, und dann ging die Ladentür auf und du standest in meinem Wohnzimmer.

Ich hatte eine Türklinke außen an der Wohnungstür, bei mir mußte wirklich nur geklopft werden.

Einmal habe ich in der Marienburger bei einer Freundin gewohnt und bin irgendwann dort rausgeflogen. Ich habe mir beim Kohlenhandel einen Pritschenwagen geholt und meine ganzen Sachen aufgeladen und dann habe ich den Pritschenwagen bei Sonnenuntergang die Marienburger Straße hochgezogen. Da habe ich zum ersten Mal bemerkt, wie steil die eigentlich ist.

In der Wohnung hatte es nie jemand länger als zwei Jahre ausgehalten, weil darunter die Backstube war. Das ging früh um halb vier los mit Kohlenschippen. Es hatte den Vorteil, daß ich immer frische Brötchen bekam, aber es war ziemlich belastend, frühmorgens nach Haus zu kommen, wenn sie ihre Sauerteigtöpfe öffneten.

Der neue Laden war viel schöner als der, den ich vorher hatte, und das Haus war auch ordentlicher. Es gab ein Innenklo, es gab eine Küche und einen Raum, in dem man ein Badezimmer installieren konnte. Ich habe Linoleum hingelegt, eine Badewanne und einen alten Boiler irgendwoher organisiert und selbst eingebaut. Baupolizeilich war das ein Unding.

Ich eröffnete in meiner Wohnung einen Salon, wo auch immer Ausstellungen von Freunden liefen. Manchmal waren da hundert Leute, und irgendwann wurde es mir einfach zuviel.

Wir veranstalteten jeden Monat eine Lesung in unserer Wohnküche. Wir kauften den Wein und machten große Berge Nudelsalat. So ein Abend zog sich bis morgens um drei hin.

Es wurde viel geraucht, getrunken, diskutiert. Manchmal wachten die Kinder im Nebenzimmer davon auf, und ich mußte sie wieder beruhigen.

Ein Freund von mir hatte sich auf dem Dach richtig eingerichtet. Dort hatte er einen Tisch, Stuhl, eine Badewanne und seinen Fernsehapparat.

Wir wohnten im Quergebäude, dritter Stock. Und alle Freunde, die ich hatte, wohnten ebenfalls im ersten oder zweiten Hinterhof. Da mußte man ja schon ein gewisses Alter haben, um den Sprung ins Vorderhaus zu schaffen.

Als unsere zweite Tochter geboren wurde, bekamen wir endlich eine größere Wohnung. Allerdings mußten wir bis zu ihrer Geburt warten, weil die beim Wohnungsamt gesagt hatten, Schwangerschaft allein gilt nicht, das Kind kann ja noch sterben.

Meine Frau war dann schwer genervt, daß unsere Wohnung in der Oderberger Straße ein Zentrum wurde, wo sieben acht Leute jeden Abend zusammensaßen und Spiegeleier brieten. Weil wir Kinder hatten, hatten wir ja immer was im Kühlschrank.

Als das zweite Kind kam, wurde uns nach ewiger Wartezeit eine Neubauwohnung in der Bruno-Leuschner-Straße angeboten. Wir wußten, wir ziehen da nicht hin, sondern versuchen zu tauschen. Von den Angeboten haben wir uns drei ausgesucht und angesehen. Daß die Wahl dann auf diese Wohnung hier in der Raabestraße fiel, ist eine richtige Berlingeschichte. In dieser Wohnung, genau in dieser, nicht eins drüber, nicht eins drunter, hat Verwandtschaft meiner Frau gewohnt, die 1961 abgehauen sind. Und plötzlich ist diese Wohnung zurückgekehrt.

Als unser drittes Kind kam, bekamen wir eine Fünfzimmerwohnung in Marzahn. Die Wohnung in der Oderberger Straße blieb meine Hauptwohnung. Ich pendelte also zwischen den beiden Welten.

1988 zogen wir nach Hohenschönhausen in einen Neubau, das war ganz schrecklich, Sandberge, Müll und Mist, der neue Block und im 11. Stock unsere Wohnung. Es war einfach nicht meine Welt, und ich bin ständig in den Prenzlauer Berg gefahren.

Im Herbst 1990 zog ich an den Kollwitzplatz. Aber mit der Ruhe dort, die ich von früher kannte, war es bald vorbei. Busse voller Japaner hielten vor dem Haus, weil an der Fassade »9. November, große Freiheit« stand. Das war das ein sehr beliebter Ort zum Fotografieren.

Mit der Wende kamen die neuen Vermieter auch in unser Haus. Die erste Firma war aus Wuppertal, und der Besitzer rauschte hier durch mit langem Schal und teurem Mantel und sprach die ganze Zeit über utopische Umbauten. Eine Tiefgarage sollte unters Haus und die Wohnungstür fünf Meter nach innen versetzt werden, damit der Fahrstuhl durch unsere Schlafkammer fahren kann, und die Miete sollte jenseits von gut und böse sein. Daraufhin sind dann die ersten ausgezogen, eine andere Wohnungsverwaltung aus Düsseldorf übernahm die Geschäfte. Sie haben es wirklich geschafft, daß von ursprünglich zwanzig Familien, die in dem Haus gewohnt haben, nur zehn übrig geblieben sind.

Nachdem die Mauer gefallen war, machten die Spekulanten auch vor meinem Laden nicht halt.

Unser Haus war nicht das Schlimmste, so mit angebohrten Gasleitungen und Vermieterterror, aber das Dach des Seitenflügels hat auch im richtigen Moment gebrannt.

Ich habe hier seit den siebziger Jahren nichts verändert. Da ist wirklich noch die Tapete meines Freundes, seine selbstgebastelte Lampe und seine Furnierdecke.

Ich bin mittlerweile die Person, die am längsten im Haus wohnt, die anderen sind tot oder weggezogen.

Überleben

Und dann war ich drei Jahre lang in der Karl-Marx-Buchhandlung. Das war meine längste feste Arbeitsstelle, von der Armee mal abgesehen. Irgendwann hatte ich auch mit denen Zoff, und da beschloß ich, kein anständiger Mensch zu werden.

Nun mußte ich mir überlegen, was ich jetzt machen soll, und bin auf zwei Sachen gekommen: Müllabfuhr oder Friedhof. Friedhof war dieselbe Ebene, fand ich aber viel besser. Das war so ganz unten, unterhalb der Gürtellinie. So fing ich beim Auferstehungsfriedhof in Weißensee an.

1972 war ich Ankleider im Deutschen Theater. Eigentlich hatte ich mich mit einem Freund als Kulissenschieber be­worben, doch man sagte uns, Bühnenarbeiter brauchen wir nicht, was wir suchen, sind Ankleider. Ich hatte bis dahin gar nicht gewußt, daß es so was gibt, ich hatte gedacht, Schauspieler ziehen sich immer alleine an.

In den siebziger Jahren hatte ich immer irgendwelche Jobs: Teller waschen, Straße fegen, Tele­gramm austragen, eine Weile war ich auch mal Heizer in einem Büro am Ostkreuz und in der Eliaskirche. Die meisten Jobs fingen erst nachmittags an, so daß man bis mittags schlafen konnte.

Viele von uns arbeiteten als Heizer bei der Firma REWI, Rechnungs- und Wirtschaftsführung. Deren Büros waren im ganzen Stadtgebiet verteilt, und je nach­dem, wo man wohnte, hatte man sich ein Büro möglichst in der Nähe ausgesucht, dort ging man nachts hin und fegte und heizte. Mich schmis­sen sie schon nach ein paar Monaten raus, weil ich es einfach nicht packte, die Räume warmzukriegen.

Eine Zeitlang war Straßenreinigung der Job in Teilen der Szene, denn da gab es einen Dispatcher, der uns gewogen war. Man hat sich sein Revier zuteilen lassen, hat die Schubkarre und den Besen genommen, hat die Geräte irgendwo abgestellt, ist in die Kneipe gegangen, ist nachts um zwölf noch mal zurückkommen, hat »Mittagspause« gemacht, und dann ist man entweder dageblieben, hat sich auf den Tisch gelegt und geschlafen, bis das Männchen mit dem Geld kam, oder man ist nach Hause gegangen und hat sich den Wecker gestellt, um rechtzeitig zurück zu sein. Aber wenn in der Schönhauser Staatsbesuch angesagt war, dann mußte die Straße schon gefegt werden.

Danach arbeitete ich als Telegrammbote bei der Post in der Marien­burger Straße. Morgens überlegte man sich, welche Schuhe zieht man an oder wie behandelt man seine Füße. Auf der Post dann wartete man, bis eine Fuhre Telegramme aufgelaufen war. Wir waren immer drei, vier Boten, und jeder stellte sich eine Tour so zusammen, daß man wenig leere Wege hatte. Dann zog man los und sah zu, daß man die Telegramme möglichst zügig los wurde. Am schlimmsten wa­ren die Telegramme für Häuser mit mehreren Höfen. Manchmal bist du dreimal bis in den vierten Stock gestiegen, hast dann endlich die Tür gefunden, niemand war da, die Tür hatte keinen Briefschlitz, so daß du am Ende doch wieder unten beim Briefkasten gelandet bist. Pro Telegramm gab es 50 Pfennig.

Es gab ein Einheitsstipendium von 220 Mark, zwanzig Mark mehr als in der übrigen DDR. Außerdem hatte ich das Kleindarstellergeld, und dann hat man auch gemalert und tapeziert oder einen Keller ausgeräumt, hat sich immer so durch­gehangelt.

Geld war mir einfach nicht wichtig. Und wenn man welches hatte, kloppte man es gleich auf den Kopf! Eine Zeitlang gingen wir nach dem Thea­ter ins Hotel »Metropol« in die neue Havanna-Bar. Für zwei Drinks legten wir dort unsere Abendgage hin.

Einmal hatte ich von meinem Opa Geld gekriegt, weil er meinte, wenn er tot sei, verdiene ich wahrscheinlich schon eigenes Geld. Das mußte ich aber sogleich Leuten, die es dringender benötigten, borgen.

Eine Freundin von mir war mit ’nem Typen aus Westberlin verlobt, um sich raus­heiraten zu lassen – da haben wir alte Motorradleder­jacken aufgekauft, und der Freund hat die mit rüber­genommen und dort für ordentliche Kohle verscheuert. Das war ein Transfer, wie ihn sonst nur Schalck-Golodkowski machte.

Für eine kurze Zeit war ich Toilettenmann in der Kongreßhalle, da habe ich mal über 250 Mark verdient an einem Abend. Das war aber nur an diesem einen Abend so. Danach waren vor­wiegend Parteikongresse. Da haben sie mir das Kölnisch Wasser und die Tempotaschentücher vom Tisch geklaut.

Ich begann, Fliesen zu bedrucken und einzubrennen, Klamotten zu bedrucken und vor allem Plakate. Auf diese Art konnte man im Osten richtig Geld ver­dienen. Eine Stärkefabrik brauchte wasserfeste Anhänger­ für ihre Säcke, eine kleine Diskothek in der Nähe wollte Aufkleber­, und für das Dienstleistungskombinat, wo ich vorher ge­arbeitet hatte, sollte ich Mappen bedrucken mit »25 Jahre Dienstleistungs­kombi­nat Kyritz«.

Zum Schmuckverkaufen sind wir nach Warnemünde auf die Mole gefahren. Es ging nicht darum, Vermögen zu scheffeln, es ging einfach darum, unseren Spaß zu finanzieren.

Ich fing im Märkischen Museum als wissenschaftlicher Mitarbeiter an, machte Führungen und half überall ein bißchen mit. Ich hatte nie das Gefühl, richtig Ahnung zu haben. Ansonsten war es dort sehr schön, weil das so ein familiärer Betrieb war. Es wurde viel gefeiert. Dieses Museum hatte über zweihundert Beschäftigte, obwohl mitunter nur fünf Besucher am Tag kamen.

Ein Jahr lang habe ich gar nicht gearbeitet. Da bin ich tatsächlich, weil ich Angst hatte, als asozial zu gelten, zur Rechtsstelle im Magistrat gegangen, denn ich war noch nicht im VBK und hatte also keine Arbeits­erlaubnis. Dort erhielt ich eine beruhigende Rechtsauskunft, denn die sagten mir ganz klar, wenn Sie keine Unterhaltspflichten und keine Mietschulden haben und wenn Sie in der größten Not beweisen können, daß Sie vom Geld Ihrer Mutter leben, wird Ihnen niemand zu nahe treten.

Ich fing gemeinsam mit einer Filmemacherin im Filmstudio des Ministeriums für Metallur­gie, Erzbergbau und Kali an. Die Einstellung hatte der Minister für Metallurgie höchstpersönlich vorgenommen, womit für die unteren Chargen klar war, daß alles richtig sein mußte. Dann kriegte das aber die Stasi mit und sagte, um Gottes Willen, wen habt ihr euch da aufgehalst, die Filmemacherin ist mit Familie Templin befreun­det. Wir durften also nur zwei Wochen dort arbei­ten, erhielten Zutrittsverbot und waren den Job gleich wieder los. Danach machte ich ein halbes Jahr gar nichts, doch mein Gehalt lief weiter, das war sehr lukrativ, denn ich hatte 1300 Mark verdient. Sie boten mir an, eine neue Abteilung Ersatzteilwirt­schaft für Industrieroboter zu gründen. Ich wurde der Fachver­ant­wort­liche für Ersatzteile.

Eine »Pappe«, also eine Zulassung, gab es in verschiedenen Einstufungen. Ein Künstler, der eine akademische Ausbildung hatte, bekam sie automatisch, aber wenn ein Laie einen Chor leiten wollte, dann mußte er vorher erst irgendwelche Prüfungen ablegen, das war ganz streng.
Auch die Bands später brauchten, wenn sie öffentlich auftreten wollten, so einen Schein. Die waren ja sowieso nicht gut angesehen, weil denen stereotyp unterstellt wurde, daß sie nur des Geldes wegen spielten und die Liebe zur Musik sekundär war. Wir mußten monatlich unseren Veran­stal­tungsplan zum Polizei­erlaubnis­wesen geben. Dort hatten sie eine Zulas­sungsliste und haben nachgeguckt, ob alle angegebenen Künstler eine Pappe besaßen.

1974 trat ich in den Verband Bildender Künstler ein. Als Bürgen hatte ich meinen Professor Frankenstein, der mich gut leiden konnte. Mein zweiter Bürge war Kurt Zimmermann, der das FDJ-Liederbuch illustriert hatte. Er hatte damals eine Verbindung mit einer Kommi­litonin von mir, und wegen der war er mir wohlgesonnen. So hatte ich zwei Bürgen in gehobener Position gefunden, die mich bei der Aufnahme vertraten.

Das Schöne am Verband war, daß man zum Sekretär gehen und um einen Auftrag bitten konnte, wenn man kein Geld hatte. Man konnte sich aussuchen, ob man eine Hausfassade ge­stalten oder für den Turn- und Sportbund einen Sportler oder ein Porträt malen wollte. Da gab es immer etwas. Ich hatte mal einen Kugel­stoßer gemalt und später den Platz der Akademie, den heu­tigen Gendarmenmarkt.

Hans-Joachim Zentsch ist kurz vorm Abitur von der Schule geflogen. Weil er aber unbedingt Medizin studieren wollte und eine Freundin hatte, deren Vater Direktor einer Volks­hochschule war, schaffte er es, obwohl er für ein Abitur gesperrt war, an dieser Volkshochschule nacheinander einzelne Fächer zu belegen­. Tagsüber arbeitete er als Krankenpfleger in der Charité. Innerhalb von vielleicht zehn Jahren hatte er so viele Fächer zusammen, daß es insgesamt ein Abitur war. Und wegen seiner langjährigen Tätigkeit als Krankenpfleger durfte er schließlich doch sein Medizinstudium aufnehmen. Im zweiten Studienjahr starb er an Krebs.

Zum Ende des Schuljahres war ich dann wirklich gekündigt, allerdings ohne Freistellung. Im Klartext hieß das: Ich durfte nicht arbeiten gehen­, nirgendwo mehr ange­stellt werden, es sei denn in der Kirche oder in einem kleinen Handwerksbetrieb.

Jahre­lang kamen wir mit oft nur 300 Mark im Monat aus. Wir verhielten uns in der Gruppe anfangs sehr sozial. Wir hatten eine gemeinsame Kasse, in die alle Verdienste hineinflossen, und am Monatsende wurde jedem sein Geld ausgezahlt. Die, die Kinder hatten, bekamen etwas mehr als die anderen. Aus der gemeinsamen Kasse wurden auch die SV-Beiträge und so etwas bezahlt.

Die Honorare waren selbst bei offiziellen Lesungen gering. Das Geld kriegte ich meist dafür, daß sie ausfielen, zum Beispiel wegen Wasserrohrbruch.

Gelebt haben wir von meinem Geld. Ich ahnte ja nicht, daß auch Sascha über Geld verfügte. Aber mir wurde auch erzählt, daß er im Wiener Café gern sein volles Porte­mon­naie zeigte, wo die Scheine so schön nebeneinander lagen. Ich konnte mir das nicht vorstellen, denn mir gegenüber tat Sascha nie so, als hätte er Geld.

Eine Zeitlang war ich im Besitz einer Steuernummer, die mir aber wieder aberkannt wurde, denn man mußte dreitausend Mark im Jahr verdienen. Das hatte ich nie geschafft, offiziell verdiente ich vielleicht tausend Mark. Später gaben sie mir noch einmal eine Steuernummer, aber die Summe, die man verdienen mußte, war nun auf sechstausend Mark erhöht worden. Das war gar schon nicht mehr zu schaffen, und so war ich eben nicht versichert. Ich ging dann eine Zeitlang als Stefan Döring zum Zahnarzt, er hatte mir sein SV-Buch geborgt. Aber als er mal selbst zum Zahnarzt mußte, wurde das schwierig. Da habe ich mich pro forma bei Elke Erb anstellen lassen und war bei ihr mitversichert.

Im dritten Studienjahr versuchte ich einen Fachrichtungswech­sel in die Sektion Forensische Psychologie. Dort war man tatsächlich bereit, mich ins erste Stu­dienjahr zu nehmen, und auch meine bisherige Sektionsleitung stimmte zu, doch die FDJ-Leitung der Uni­ver­sität legte ein Veto ein. Sie begründete es damit, daß der Lehrerberuf nicht nur die Erfüllung eines persönlichen Wunsches, sondern auch eine gesellschaft­liche Verpflichtung sei. Daraufhin beantragte ich die Exmatrikulation.

Nach dem Studium hatten sie mich regelrecht vergessen im Schulwesen. Das war eigentlich nicht üblich. Ich sollte aufs Land, aber das wollte ich nicht, und irgendwie war ich dann in der Büro­kratie verloren gegangen.

Dann sollte ich in die Partei eintreten. Zuerst redete ich mich heraus, daß ich das als Mutter von zwei Kindern zeitlich nicht schaffen würde. Das wurde mir aber irgendwann zu blöd, und ich sagte dem Direktor klipp und klar, daß das Demokratie­verständnis in der SED nicht dem meinen entspräche. Von da an brauchte ich ihm mit keiner Bitte mehr kommen. Nach zweieinhalb Jahren habe ich gekündigt. Ich wurde zu mehreren Gesprächen zitiert: mit der Schulleitung, der Gewerkschaft, dem Bezirksschulrat. Ich betonte immer wieder, daß ich meinen Mutterpflichten nach­kommen möchte, daß ich gern koche und gern Hausfrau bin. Wirklich, so blöd. Natürlich wollten die mir das nicht abnehmen, aber in dem Fall stand das Gesetz auf meiner Seite.

Ein knappes Jahr war ich Hilfserzieherin im Durch­gangs­heim Alt-Stralau. Das war eine Art Auf­fang­heim für Kinder und Jugendliche, deren Eltern ins Gefängnis kamen oder die zu Hause abge­hauen und von der Polizei aufgegriffen worden waren. Es herrschte dort ein quasi militä­risches Regle­ment. Ich war viel zu jung und unerfahren und dieser Arbeit überhaupt nicht gewachsen.

Ich habe in dieser Zeit ganz wenig Geld verdient. Wir lebten hauptsächlich vom auch nicht üppigen Gehalt meines Mannes. Er arbeitete noch als Lehrer, mußte dort durchhalten, um uns vier zu ernähren.

Als ich nach dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung keine Arbeit mehr bekam, habe ich was ganz Illegales gemacht. Ich habe einen Cousin im Westen gefragt, ob er mir nicht monatlich 100 Mark »überweisen« kann, natürlich über einen Mittels­mann. Unsere Gemüsehänd­lerin hat das dankbar entgegengenommen. Wenn die mich sah, machte sie eine Kopfbewegung, und dann gingen wir hinten rein, wo die Kartoffeln lagen. So wie man heute vielleicht Rauschgift dealt, hatte ich den Hunder­ter und sie die 400 DDR-Mark abgezählt.

Als die Währungs­union kam, war nur der Ideenentwurf voll bezahlt worden. Da aber auch der Aus­führungsentwurf vom IHB noch bestätigt worden war, hatte ich mit einem Innenarchitekten einen Vertrag gemacht über die Herstellung der Grundrisse und Bauzeichnungen und ihm die Hälfte schon bezahlt. Doch dann bekam ich dieses Geld vom Auftraggeber einfach nicht zu­rück. Ich wartete und wartete, und als ich schließlich ins IHB ging, war das ein anderer Betrieb, gab es den Vertragspartner nicht mehr. Du gingst zwar durch dieselbe Tür und trafst dieselben Leute, die dich prompt grüßten, aber sie waren nicht mehr zuständig. Sie disku­tierten nicht, das war einfach so.

Nach der Wende bekam ich 5000 Mark Sonderstipendium für bedürftige Künstler. Als das Geld alle war, mußte ich mich doch arbeitslos melden. Die ABM-Stelle hatte ich in Weißen­see, da war ich für die Erfassung der Vertikalbegrünung zustän­dig. Wenn an den Häusern Efeu, Knöterich oder wilder Wein wuchs, hat man das in Listen einge­tragen, wieviel Quadratmeter, welche Sorte. Hinterher sind Bauarbeiter gekommen und haben alles abgerissen.

Kneipen

Diese Geschichte um das Kneipendreieck, wonach jede Kneipe früher einer anderen politischen Strömung zugeordnet war, hat sich ja als Klischee bis in unsere Zeit überliefert. Fengler gehörte den Sozialdemokraten, Hackepeter den Nazis und Sieke, die Kneipe Hagenauer/Ecke Dimitroff, den Kommunisten, und die war die ganz harte. Da gab’s das allerbilligste Bier für 35 Pfennige, das galt selbst zu DDR-Zeiten als einmalig.

Die Sauferei fing im Fengler an, und wenn der um zwölfe zumachte und man dann keinen Bock hatte, zu Sieke oder Nazipeter, die bis um eins aufhatten, auf ein Sturzbier reinzugehen, dann hat man sich einfach im Fengler einen Kasten Bier gekauft oder geborgt und sich gemeinsam in irgendeine Wohnung oder auf den Helmholtzplatz gesetzt.

Sieke war völlig asozial. Da sitzen die Leute nach Zellen geordnet, sagte mal jemand zu mir. Da mußte man ganz klar sagen, was man will, ein Bier oder einen Schnaps und ja keine vollständigen Sätze verwenden, und dann haben die einen leben lassen.

Die Prenzlauer-Berg-Kneipen waren Arbeiterkneipen, die waren im Grunde in festen Händen. Du kamst zu fünfzehn Männern und vier Frauen quasi ins Wohnzimmer und warst Fremdkörper. Fengler war die einzige Kneipe im Prenzlauer Berg, wo ich das nicht so erlebt habe. Da hast du mit siebzigjährigen Eisenbahnern und alten besoffenen Frauen am Tisch gesessen und trotzdem mit einem Kumpel über irgendein neues Buch geredet.

Dann diese keifende, dicke Kellnerin, die sich gegen jeden durchsetzte, die sich durchrempelte, raushaute und irgendwie Platz schuf.

Den einen Rentner werde ich nie vergessen. Der hatte so merkwürdige gichtige Finger. Und diese Finger waren den ganzen Abend im Fell von seinem Hund, ein unglaublicher Anblick. Die Alten sind dann mehr und mehr verdrängt worden, das war keine Absicht, das ist einfach passiert, weil immer mehr Junge kamen und sich an den Tischen entlang gedrückt haben. Da wurde das einfach zu eng für die, und da sind sie auch weggeblieben oder gestorben.

Mit dem Fengler ging es 1980 zu Ende. Es fing damit an, daß der Hund starb. Der Hund war eine wichtige Sache, der war der pünktlichste Hund, den es gab, nach dem haben alle Leute ihre Uhren gestellt. Der lag die ganze Zeit irgendwo hinterm Tresen und halb zwölf ist der vorgerannt, hat so ein, zweimal gebellt, und das war dann so das Zeichen für die letzte Runde. Dann sind alle sofort zum Tresen gestürmt, noch ein Bier bestellen oder bezahlen, um dann in den Ein-Uhr-Kneipen noch einen Platz zu kriegen.

Später wurde da, wie so oft, per Renovierung aufgeräumt.

Weitaus gespannter war es im Hackepeter. Das war eher die ganz große Not, wenn man da hingegangen ist, dieser Einklang wie bei Fengler, zwischen Personal, Alteingesessenen und Jüngeren war beim Hackepeter nicht, der Ort war völlig unsentimental. Der hatte ja auch diese Nazitradition, da waren klare Verhältnisse, man war Feind. Man hat sein Bier bekommen, und wenn man schief auf dem Stuhl gesessen hat, war Schluß.

Im Hackepeter hat man zum Teil ziemlichen Streß gehabt, aber irgendwann kannten die Leute einen auch da, und dann ging das eigentlich.

Es gab auch noch Kneipen wie den Oderkahn in der Oderberger Straße, aber da hat mich vor allen Dingen die Wirtin gestört, die ich mir immer in Schaftstiefeln vorstellte.

Ich bin gern in den Oderkahn gegangen, weil da war noch dieses Muttchen, der Taxifahrer, und da war studentisches Volk, das fand ich eine Zeitlang sehr gut.

Wenn man dort über die erste Stufe gestolpert war, durfte man gleich wieder gehen, auch wenn du vorher keinen Tropfen getrunken hattest.

Trümmerkutte an der Ecke Oderberger/Kastanienallee war eine echte Absturzkneipe. Da verkehrten die Trümmer- und Kohlenträger, um sechs Uhr morgens standen die schon auf der Matte. Da ging ich nur rein, wenn ich woanders nichts mehr kriegte.

In den Goldbroiler ging man, um Broiler zu holen.

Am Rosa-Luxemburg-Platz gab es das Café Burger, wo Popow, heute Poppe, und ähnliche die Revolution besprachen. Das war bei Fengler nicht so angesagt.

Das war nun nach meiner Auffassung keine Politszene dort, da hatte ich andere Maßstäbe.

Cafe Burger wurde sehr frequentiert von den Bühnenarbeitern der Volksbühne,
ein paar Schauspielern und einigen Schriftstellern wie Thomas Brasch, Klaus Schlesinger und Adolf Endler.

Wenn ich ein Bier trinken war im Café Burger und es saßen am Nebentisch diese Nickelbrillenträger mit dem Fensterglas in der Fassung und ihren Fleischerhemden, die erzählten, wie und womit sie die Welt verändern wollten, aber eigentlich nichts weiter taten als Kulissen schieben, dann war mir das zu abgedreht.

Im Wiener Café, da nervten der Geiger und seine Fans, ältere Frauen, die dann mitsangen, weil sie ein paar Likörchen zuviel getrunken hatten. Später war es ziemlich in.

Aber das konnte man dann schon im Fernsehen verfolgen, weil das Café im Westen attraktiv verwurschtet wurde.

Das Wiener Café hatte Hoch- und Tiefzeiten, eine Zeitlang war das völlig out, da ist man da gar nicht hingegangen. Aber mit Saschas Feuilletonkarriere kriegte das wieder so einen bestimmten Pfiff, weil der da Hof hielt.

Im Wiener Cafe saßen nur schachspielende Wichtigtuer.

Nur im Mosaik und im Wiener Café war es etwas freier. Da konntest du als Frau auch mal allein am Tisch sitzen, ohne blöd angemacht zu werden.

Es gab Leute, die nur im Mosaik und welche, die nur im Wiener Café waren und Leute, die in beiden verkehrten. Unser Weg war normalerweise erst Wiener Café, die machten um 24 Uhr zu, Mosaik dagegen erst um eins, so ab 23 Uhr setzte man sich Richtung Mosaik in Bewegung.

Die Männer dort hatten so was Abgeschlossenes, fast Ritualisiertes, was man als Außenstehende nicht verstand. Die Frauen, mit denen sie sich umgaben, waren oft Models, die den ganzen Abend dasaßen und einfach nur schön waren.

Im Mosaik zum Beispiel waren mir die Leute viel zu schwarz angezogen, das war so eine Art von Leuten, die ich nicht leiden konnte.

Eine Zeitlang war es richtig Mode, daß man im Sommer nicht wegfuhr, sondern im Wiener Cafe blieb, schöne schwarze Kleider anzog und sich die Haare mit rotem Henna färbte.

Mit den Kindern mußte ich viel allein machen. Cafés und Kneipen zum Beispiel besuchte ich gar nicht.

Später machte in der Prenzlauer Allee 193 so ein kleines privates Café auf, die zehn Plätze dort wurden von den Punks quasi okkupiert, das war dann ganz lustig, man konnte seine eigene Musik abspielen. Ich glaube nicht, daß damals in irgendeiner anderen Gaststätte die »Einstürzenden Neubauten« gelaufen sind.

Ende 1988 ging es los mit quasi illegalen Kneipen. Irgendwelche Leute hatten große Wohnungen und haben da einen Ausschank aufgemacht, wo es keine Sperrstunde und keinen Ärger mit Einlassern gab.

Sicherheitsorgane

Wir sitzen in der Klasse, die Tür fliegt auf, die Direktorin eilt mit drei Herren in den Raum und ruft in scharfem Ton: »Mappenkontrolle«. Alle Kinder mußten aufspringen, wir durften keine einzige Handbewegung mehr an der Bank machen und mußten uns nach hinten in einer Reihe an die Wand stellen. Dann mußte Reihe für Reihe, Platz für Platz jeder einzeln mit seiner Mappe nach vorn kommen, alles ausleeren und vorzeigen. Weggenommen wurden Schmöker, Katapulte und Kaugummis, auch Westmünzen wurden eingesammelt.

Ich hatte in der Schule und FDJ so meine eigenen Erfahrungen gemacht. Meine Pionierleiterin Carmen war von der Volkspolizei auf dem Alexanderplatz verprügelt worden, weil sie über Nacht eine Solidaritätsaktion gegen den Chile-Putsch organisiert hatte.

Früh um sechs, ich hatte noch eine Hennapackung auf dem Kopf, standen zwei Stasitypen vor der Tür und wollten mich mitnehmen. Ich wußte überhaupt nicht,
was los ist. Und da habe ich mir das Rot notdürftig ausgewaschen und bin mit dem juckenden Kopf zu einem Volkspolizeirevier gebracht worden. Dort wurde ich dreizehn Stunden von einem Stasitypen in Bügelfaltenhosen verhört. Ich hab die ganz Zeit auf diese Bügelfalte starren müssen.

Wir wurden nicht behelligt, bloß als wir vom Dampfer herunterkamen, stand an der Anlegestelle Polizei, aber auch da passierte nichts. Der Ärger kam erst am 2. Mai, als ich mich zu einer nachtschlafenden Zeit in die Uni gequält hatte. Da stand schon der Sektionsdirektor im Vorlesungssaal und hielt eine Brandrede, etwa in dem Stil: »Während sich die Werktätigen Berlins auf den Kampf- und Feiertag vorbereiteten, zerstören feindliche Elemente und Studenten der Humboldt-Universität einen Dampfer!«

In Leipzig waren ein paar Studenten in einem Schnellverfahren zu acht Monaten Knast verurteilt worden. Ich hatte ein Flugblatt an die offizielle FDJ-Wandzeitung gemacht, daß das eine Schweinerei sei, und sie haben mir zweieinhalb Jahre Knast angeboten. Das ist dann allerdings niedergeschlagen worden, wahrscheinlich weil mein Vater zu prominent war.

In dem Haus wohnten Freaks und Friedenskämpfer, und deshalb stand es unter besonderer Kontrolle. Die Bullen dachten immer, daß in so einer Wohnung keiner legal wohnen kann. Ich war sogar polizeilich angemeldet, aber das hat die nicht gehindert, die haben die Tür eingedroschen, bis ich keine Tür mehr hatte. Da war dann einfach nur noch ein Brett, das wurde beim Rein- und Rausgehen ein bißchen beiseite gestellt, und hinterher wurde es wieder an den Türrahmen gelehnt. Und wenn ich ’ne Braut hatte, dann ging’s nicht darum, ob man Kondome benutzt, sondern daß man seinen Ausweis bereitlegte.

Ich überlegte, wo wir hinfahren könnten. Knast Rummelsburg? Da kriegte ich ein bißchen das Flattern. Aber er fuhr nur um drei Ecken bis zur Keibelstraße. Auf dem Hof waren die großen Garagen alle leergeräumt, dort standen schon hundert Leute in Reih‘ und Glied, Hände an der Hosennaht, Gesicht zur Wand. Da durfte ich mich dazugesellen. Einer konnte nicht mehr so richtig stehen, weil er besoffen war, und hielt sich an einem Geländer fest, den haben sie rausgezerrt, und dann hast du immer gehört, wie er an die Tür geflogen ist. Wir haben bestimmt vier Stunden stehen müssen.

Ich mußte davon ausgehen, daß in den Ministerien einige von den Leuten, mit denen ich zu tun hatte, Mitarbeiter der Staatssicherheit waren. Sie haben es auch gar nicht groß verheimlicht. Ich wußte, daß sie Geheimnisträger waren, das heißt, sie trugen diese Geheimnisse in großen Koffern, die dann entsprechend verschlossen und versiegelt waren, und sie waren dazu abgestellt worden, diese Koffer zu tragen.

Daß sich ein Staatsapparat um Literatur kümmerte, in dem er auf so haarsträubende Weise zensierte, das war doch für einen Schriftsteller die Sache. Oder für einen bildenden Künstler, der vom Künstlerverband angegriffen wurde, wenn er zu abstrakt malte. Heute kannst du aufs Papier spucken und bleibst dir selbst überlassen, das ist viel schwerer.

Weil die Stasi durch einen kleinen Verrat unter Freunden hinter diese Flugblatt­geschichte in Birkenwerder gekommen war, wurde ich dann im Dezember 1969 inhaftiert und habe vierzehn Tage in Potsdam in Untersuchungshaft gesessen. Das Ermittlungsverfahren wurde dann aber eingestellt, weil das politisch nicht mehr in die Landschaft paßte. Pünktlich zur Bescherung war ich wieder draußen.

Eines Tages klingelten zwei Männer bei uns, zeigten mir ihren Kripo-Ausweis sowie ein Foto von unserem Nachbarn und erklärten, daß sie gegen ihn ermitteln würden, weil er unter Verdacht stünde, kleine Mädchen zu vergewaltigen. Die ahnten ja nicht, daß wir wußten, worum es eigentlich ging. Ich warf sie aus der Wohnung raus, und unsere andere Nachbarin, eine Genossin, tat dasselbe. Ich war erschüttert, mit welch fiesen Methoden die arbeiteten.

Das ausgebaute Mikrofon war nun endlich einmal ein Beweis, daß dieser Staat tatsächlich seine Gegner abhören läßt. Aber es war ziemlich belastend, wenn man damit leben muß, daß jeder kleine Streit um den Abwasch, jedes private Wort gehört und ausgewertet und möglicherweise gegen uns verwendet werden konnte. Wir versuchten natürlich, das zu verdrängen und weiter zu leben wie immer, als hätten wir noch eine unverletzte Privatsphäre. Aber so ganz ist das uns wohl nicht gelungen.

Um 1980 war der Wehrkundeunterricht eingeführt worden, wo alle Klassenlehrer der neunten und zehnten Klasse verpflichtet wurden mitzumachen. Ich weigerte mich – das war für mich der Punkt, wo ich dachte, das ist eine Sache, wo ich mich ein­mischen kann, also nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern da, wo es wirklich wichtig ist. An den Konflikten, die dann daraus entstanden, wurde ich ziemlich krank, und sie schickten mich zum Psychiater, weil sie anders damit nicht umgehen konnten.

In dem Moment, als ich mich 1976 politisch in eine Richtung geoutet hatte, die für die Leute einfach nicht mehr opportun war, gab es bei der von der Partei gelenkten DEFA nur noch eine Taktik: Man gab mir Aufträge, damit ich einigermaßen existieren konnte, aber diese mußten unverfänglich sein. Ich durfte Abendgrüße für den Sandmann drehen.

Eines Tages, wir hatten gerade Probenpause und ich mußte zur Toilette, sprach mich im Flur ein fremder Mann an. Ich dachte, er wollte mit mir einen Termin für eine Vorstellung ausmachen, aber dann druckste der so herum und zog seine Marke. Da mußte ich erst einmal laut loslachen. Doch er sagte, Sie haben doch morgen Premiere …

Doch schon die Herausgabe dieser ersten Nummer gestaltete sich als äußerst schwierig. Wir mußten das Manuskript dreimal abgeben; es war zweimal vom FDJ-Zentralrat zurückgewiesen worden, erst der dritte Anlauf wurde akzeptiert. In meiner Zeit hatten wir elf Hefte vorgelegt, von denen nur fünf erschienen sind. Das war ein wahnsinniger Nervenkrieg, und wenn man sich heute so ein Heft anschaut, fragt man sich, wofür eigentlich?

Anfang der achtziger Jahre wollte ich mit zwei Freunden im Böhmischen wandern, wir kamen an die Grenze, zeigten die Ausweise und mußten die Rucksäcke aus­packen. Dann ließen die uns eine Stunde lang sitzen, was auch noch nicht schlimm war, aber als sie uns sagten, daß wir nicht rüberkämen und das Grenzgebiet verlassen müßten, war ich völlig fertig. Ich fuhr nach Berlin zurück und wollte rauskriegen, woran es lag. Ich wollte von den Behörden wissen, ob ich jetzt nie wieder das Land verlassen darf. Ich war beim Innenministerium und auf dem Polizeipräsidium, und immer wurde mir gesagt, das läge im persönlichen Ermessen des Beamten. Da würde es auch im Nachhinein keine Begründung oder sonst irgendwas geben.

Ich kam als Schriftsteller zur Armee, man mußte ja seine Tätigkeit angeben, und wurde folgerichtig Schreiber. – Von den dreißig Leuten im Zug waren zwei bei der Stasi, und die hatten den Auftrag, meine Texte, die ich schrieb, einzusehen. Da wurde konspirativ mein Schrank geöffnet und nichts gefunden. Weil ich es »immer an Mann« trug, wie mein IM so schön berichtete, komme er an das Material nicht ran.

Ich habe niemals groß nachgedacht, ob jemand von der Stasi ist. Ich habe mich nie gefragt, warum jemand plötzlich eine Dreizimmerwohnung kriegt, genau in dem Moment, wo er sie auch braucht.

Ich wollte unseren Gästen gegenüber kein Mißtrauen entwickeln. Ich selbst hatte ein paarmal erlebt, wie Leute fälschlicherweise als Stasi verdächtigt wurden und wegge­schickt worden waren. Ich wußte zwar, daß garantiert IMs mit dabei waren in den Runden, aber ich wußte auch, daß man immer den falschen dafür hielt. Letztendlich war es ja auch wirklich so.

Nachbarn

Es war gang und gäbe, auf dem Hof kleine Radiokriege zu führen, jeder drehte sein Gerät auf volle Lautstärke und zeigte dem Nachbarn, was er so hört. Der wiederum ließ sich auch nicht lumpen. Da­mals war das für mich noch was Schräges, wenn laut SFB oder diese ameri­kanischen Sender liefen.

Es war so eine Gemein­schafts­wohnung mit gemeinsamem Flur und gemeinsamer Klobenut­zung. Ich lebte im hinteren Teil und mußte immer an einem Rentnerehepaar vor­bei. Sie hatten keine Kinder und mich ein bißchen wie einen Sohn aufgenommen. Die Um­klammerung wurde­ immer dich­ter, es kam zu Geschenken und Einladungen zum Kaf­fee­trinken. Sobald ich über den Flur ging, mußte ich ge­wärtig sein, daß die Tür aufsprang und ich gekrallt wurde zu einem Gespräch. Und wenn ich Frauen­besuch hatte, machte es schnüffel, schnüffel, es war furchtbar. Der Mann, Herr Papke, war so ein Hilfs­polizist in der DDR, einer von der allerschwärzesten Sorte, aber auf der anderen Seite war er früher ein Unterhaltungskünstler gewesen und hatte Musik gemacht. Er hatte ein großes Herz für die Kunst und besuchte uns immer unten im Theater. Dort war er wie um­­gewandelt, brachte Trommeln mit und spielte uns was vor oder erzählte von Frank Schöbel, mit dem er angeblich eine Zeitlang getourt war. Aber dann schlug wieder sein anderes Wesen durch.

In der Oderberger lebten Leute wie der Meistertänzer Roland Gaw­lik. Neben­an wohnten Leute, die am Abend zwanzig Flaschen Bier tranken oder eine Flasche Schnaps und dann nachts um drei im Hinterhof nach Karin grölten, und wenn sie das lange genug gemacht hat­ten, kam ein Eimer Wasser runter.

Leider hatten wir das ordentlichste Haus im gesamten Prenzlauer Berg erwischt. Es gab in der Gegend ja auch welche, wo selbst das Hausbuch von Leuten geführt wurde, die in politischen Untergrundzirkeln arbeiteten, aber unseres war ein Haus, da wohnten im Vorderhaus Leute, die wirklich alles kontrollierten. Sogar hinten in die Erdgeschoßwohnung hatten sie einen FDJ-Funktionär gesetzt, der jeden Morgen mit dem Blauhemd zur Arbeit ging. Mit denen hatte ich immer nur Zoff. Die kontrollierten mit dem kleinen Finger, ob du die Hausordnung gemacht hattest, und die Haus­ordnung nicht zu machen hieß bei denen gleich, ein Feind der DDR zu sein. Punkt zwanzig Uhr ging der Hausbuchführer die Treppe runter und schloß die Haustür ab. Nachts lauerte er manchmal, ob man ja auch die Haustür wieder abschloß, wenn der letzte Be­such ging. Irgendwann sagte mal jemand zu ihm, er solle solche Block­wartmethoden sein lassen. Nach der Wende erfuhr ich durch Zufall, daß er unter den Nazis Widerstands­kämpfer war.

Ich habe mal ein Jahr im Landwirtschaftsverlag ge­arbeitet und dort einer Frau gegenüber geses­sen, die, als sie er­fuhr, wo ich wohne, mir erzählte, daß sie in diesem Haus im Seitenflügel in der dritten Etage während der Nazizeit ihre Kindheit verbracht hat. Die wohnten in anderthalb Zimmern mit Küche und Außenklo, zwei Kinder, eine Großmutter und ein Arbei­terehepaar. Die Mutter war in den zwanziger Jahren in Thälmann verknallt, und wenn einer kam und sagte, kannst du nicht mal Flugblätter ver­teilen, dann hat die das immer gemacht, weil es für Thälmann war. Und während der Nazizeit kam wieder einer von denen und brachte eine Jüdin mit, die dort eine Nacht bleiben sollte, und daraus wurden dann drei Jahre. Das erzählte die mir so nebenbei, ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, die Frau hat auf der Kohlenkiste in der Küche geschlafen, und das ging irgendwie, obwohl die Wohnung schon für fünf Leute zu eng war und Außen­klo hatte und die Familie so wenig Geld hatte, daß es auffallen mußte, wenn man plötzlich eine Bulette oder ein Schnitzel mehr kauft für den Sonntag. Die Jüdin hat es bei einem Bombenangriff geschafft abzuhauen durch die Trümmer und ist bis Palästina gekommen. Nach dem Krieg hat sie der Familie eine Karte geschickt, daß sie gut angekommen ist. Und da sagte die Kollegin zu mir, wir haben drei Jahre für die unseren Hals riskiert und die hat uns gerade mal eine Postkarte geschickt, und uns ging es so drec­kig nach dem Krieg, da hätte sie doch wenigstens ein Päckchen schicken können.

Irgendwann hatten wir von dem zubetonierten Hof die Nase voll. Während irgend­welcher Proben hatte uns der Frühlingswind gestreift, wir griffen zur Spitzhacke und hackten den Beton auf. Ich dachte, um Gottes Willen, das ist ja Anarchie! Aber wir waren nicht zu bremsen. Nun hatten wir eine wunder­schöne Sitzecke mit Garten, und die Anwohner freuten sich auch. Denen waren wir sowieso sehr sympathisch, bis auf einzelne Reibe­reien, wenn wir mal zu laut gefeiert hatten. Wir wurden akzeptiert und angenommen. Christian reparierte ihnen auch schon mal eine Wasser­leitung und half, wenn etwas mit der Elektrik nicht in Ordnung war. – Wolfgang und Irmtraud Thierse hatten ihre Wohnung genau über unserem Theater und interessierten sich sehr für uns. Der Bühnen­bildner Horst Sagert, der ebenfalls in dem Haus wohnte, schaute oft durch die Fenster­scheibe und nickte einfach sehr freundlich und gönnerhaft.

Die ersten, die mir von den Nachbarn in der Kollwitzstraße entgegenkamen, waren eigentlich die Kinder, die unglaubliche Gemälde auf diesen breiten Bürgersteig gemalt hatten. Wunderschöne Kreidebilder. Es war ja so die Zeit, als man irgendwas machen wollte für Kinder, angeregt durch die antiautoritäre Be­­wegung im Westen. Und dann habe ich mit dem Mädchen, mit dem ich zusammenlebte, einfach begonnen, die Kinder zu beschäf­tigen, indem wir aus der Druckerei Papierbahnen besorgten und mit ihnen am Sonnabendnachmittag malten. Das hat denen un­geheuren Spaß gemacht und uns auch. Die Eltern guckten aus den Fenstern und schickten uns Kaffee und Kuchen herunter, weil sie glücklich waren, daß wir ihre Kinder beschäftigten.

Das Haus war sehr heruntergekommen und verfallen, aber wir hatten nette Haus­bewohner, die uns unterstützten, die auch politisch mit uns sympathisierten und auf die wir uns verlassen konnten. Das war enorm wichtig und wog alles andere auf. Die Hausbewohner erlebten ja mit, wenn die Stasi vor der Tür stand. Tage- und nächte­lang saßen die Schergen von der »Firma« manchmal in einem Auto vor unserem Haus. Ich habe beobachtet, daß Anwohner zu denen hingingen und riefen, also ihr sitzt hier herum und werdet von unseren Steuergeldern bezahlt, geht lieber arbeiten.

In meinem Aufgang wohnte irgendwann nur noch einer. Immer wenn ihm das Energiekombinat den Strom abstellte, zog er in die nächste Wohnung, es war ja mittlerweile alles frei. Er hatte in der Hierarchie der Flaschensammler schon eine höhere Position eingenom­men: Er sammelte nur noch weiße Flaschen – für die bekam man beim Altstoffhandel zwanzig Pfen­nige und nicht nur fünf wie für die grünen. Anfangs hatte ich Ärger mit ihm, weil ich ihm grüne Flaschen vor die Tür gestellt hatte, die waren unter seinem Niveau, und er war sauer auf mich. Nachdem wir das klargestellt hatten, behelligte er mich nicht wei­ter­. Nur leider war ich die­jenige, die das einzige funktionierende Klo im Haus besaß, so daß er es mitbenutzen mußte. Seine Sauf­kumpane waren ebenfalls Flaschensammler. Das waren drei Herren und eine Mutter mit ihrer Tochter, die trampelten mit ihrem Dackel abends immer die Treppe hoch. Man konnte drauf warten, daß die Frauen gegen ein Uhr schreiend die Treppe runterrannten und der Dackel hinterher.

Wenn Zugereiste kommen und einen großen Affen machen von wegen Bürger­vertretung und so, dann ist da oft nichts dahinter. Weil ich hier aus dem Kiez bin, hatte ich mich angesprochen gefühlt und bin zu einer Versammlung gegangen. Doch dort haben die Neuen nur gesessen und gequatscht und gequatscht und sich beweih­räuchert, und dann ging es darum, als erstes ein Plakat zu machen und sich dafür fotografieren zu lassen, damit einen die Leute im Kiez kennenlernen. Da habe ich gesagt, habt Ihr ’ne Macke? Wollen wir nicht lieber jeder eine Paten­schaft über einen Baum übernehmen und den im Sommer gießen?

Ausreise

Eigentlich ist es ja normal, daß Leute weggehen, ob in den Westen oder werweiß­wohin, die Szene lebt von Fluktuation und Neuzugängen. Aber die Ausreisewelle der Achtziger war penetrant. Meine Haltung in den siebziger Jahren war, wir sind hier unzufrieden mit den politischen Verhältnissen, dann müssen wir genau hier was dagegen tun; ich gehe nicht irgendwohin, wo günstigere Kampfbedingungen herrschen.

Die Wartezeit, ob man nun raus kann oder in den Knast muß, ließ sich im Prenzlauer Berg am angenehmsten verbringen. Das ging bis 1984 so, als ungefähr dreiviertel der Leute innerhalb kürzester Zeit ausgereist sind und ich ziemlich paralysiert wurde, ständig sind Leute von der Stasi zu mir gekommen und haben mich gefragt, ob ich einen Ausreiseantrag gestellt hätte, es könne unter Umständen sehr schnell gehen, und in Kreuzberg wäre es doch auch ganz schön. Die wollten hier wirklich Tabularasa machen.

Es gab in dieser Zeit zwischen Antragstellung und Ausreise oft Schwierigkeiten mit Freunden, weil die sich dann ganz stark radikalisierten, auch um sich Mut zu machen, so daß mir das Reden mit denen oft sehr schwer gefallen ist. Man wollte sich doch nicht von morgens bis abends sagen lassen, wie beschissen man lebt in der Stadt oder in dem Land. Das wußte ich selbst.

Ausreise stand für mich von Anfang an nicht zur Debatte. Ich hätte meinen Sohn verlassen müssen, weil mein geschiedener Mann das Erziehungsrecht hatte, ich konnte meine alte Mutter nicht allein lassen, die wir ja abwechselnd pflegten, und ich wußte, hier bin ich selbständig und habe meine Werkstatt. Von meinen Freundinnen hatte ich erfahren, wie schwer es drüben war, sich als freischaffende Künstlerin mit Kind durchzuschlagen.

Ich wollte mir keine Kugel in den Arsch schießen lassen, und in den Knast wollte ich erst recht nicht. Auch auf die Repressalien bei einem Ausreiseantrag hatte ich keine Lust und wußte auch nicht wofür.

Kerbach sagte zu mir, ich bin Maler, ich muß das Mittelmeerlicht sehen. Und wenn es nicht im Guten geht, dann eben im Bösen.

Für mich war Ausreise wirklich kein Thema.

Es war ja irgendwann üblich: wenn mit Eingaben nichts mehr zu machen war, hat man einen Ausreiseantrag gestellt.

Ich wollte schon wirklich weg. Aber ich habe nicht gedacht, ich will jetzt in den Westen, am besten wäre, ich finde einen Mann und verliebe mich, und dann heirate ich und gehe rüber. Aber genau so ist es passiert.

Unsere Beziehung war im Arsch, und wir dachten uns, wir gehen in den Westen und fangen noch mal an. Bis mir dann klar wurde, daß es besser ist, nicht noch mal neu anzufangen.

Wir hatten am 1. Juli 1986 die Idee, Mensch, laß uns abhauen. Das war auch, weil so viele Leute um uns herum, auch mit Kindern, schon weg waren. Ich hatte mir ausgerechnet, daß man in Westberlin mit den Leuten einfach wieder zusammen­kommt. So haben wir den Antrag gestellt, sozusagen zwecks Familienzusammen­führung.

Der Westen war mir sehr fremd, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was ich dort sollte. Ich dachte immer, vielleicht schob ich das auch vor, meine Tochter soll erstmal achtzehn werden, daß sie dann ihre eigene Entscheidung fällen kann.

Manchmal dachte man schon, nun bleiben bloß noch die Blöden und Unbeweglichen hier und alle, die halbwegs laufen konnten, gehen weg.

Die letzte Zeit vor dem Weggehen habe ich noch einmal ganz intensiv fotografiert, das war wie ein Abschiednehmen.

Wenn das so weitergegangen wäre mit der DDR, wäre ich sicherlich auch weggegangen. Aber es ist jetzt wirklich blöde, darüber zu reden, das ist diese WASWÄREWENN-Geschichte. Ich bekam dann ein Arbeitsvisum. Allerdings hatte die Sache dann doch einen ziemlichen Haken. Wir hatten nun nämlich die Mauer sozusagen im Ehebett, denn meine Freundin durfte nie in den Westen fahren.

Von meinem direkten Umfeld sind, denke ich, weit mehr als die Hälfte in den Westen gegangen. Das war ein ständiges Abschiednehmen, furchtbar. Und das Unbegreif­lichste war mir, warum ich im Osten geblieben bin.

Irgendwann hatte ich aber die ganzen Kämpfe über. Da wollte ich auch weg. Mich hat glücklicherweise der Mauerfall überholt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine ganzen wichtigen Dokumente und die Hälfte meiner Arbeiten bereits drüben.

Ich war aus dem Sommer gekommen, und alle gingen weg. Ich fuhr zurück und saß da am Bach und dachte, das Gras existiert doch noch, das Gras gibt’s doch noch, so als ob das Gras jetzt alles, was weg ist, leiblich vertreten soll. Das ist schon schlimm gewesen.

Wenn die gingen, da war bei so was wie eine Wunde, die aber ganz schnell verödet wird mit einem künstlichen Gegendruck, indem du einen blutstillenden Stift drauf­hältst, daß das Blut nicht mehr läuft. Es war wie eine Vereisung.

Für mich war das einfach ganz normal hier, und deshalb hatte ich auch nicht den Druck rübergehen zu wollen, hier war der Westen im Osten, und ich war nicht auf irgendwelche Cliquenzusammenhänge angewiesen, weil mir ja eigentlich so der ganze Bezirk, der ganze Kiez gehörte.

Als ich einen Paß bekam, hatte ich die Möglichkeit, den Westen zu relativieren. Ich merkte, daß ich gar nicht so schlecht lebe. Aber das hat ja der Osten leider nicht beherrscht. Das war ein Grundmakel, daß man beliebig seine Phantasien aufbauen und nichts davon in der Realität überprüfen konnte. Und ich hatte viele Rosinen im Kopf, was den Westen betraf.

Die Leute, die rübergegangen sind, die haben ja die Vorstellung gehabt, sie treffen sich dann alle in Kreuzberg auf dem Oranienplatz, und dann machen sie immer die riesige Sause, aber das ist ja dann alles nicht passiert. Die sind größtenteils ziemlich hart auf die Nase gefallen. Die haben sich den Westen so wie im Werbefernsehen vorgestellt.

An dem Tag, als ich die DDR für immer verließ, zog ich mir zur Feier des Tages ein schönes Kleid an. Viele Sachen hatten wir über Geheimkanäle schon vorher abtransportiert. Die meisten meiner Möbel waren verschenkt oder verkauft. Und dann sind wir mit einem Lieferfiat zur Grenze – und dann wollten die uns nicht rüberlassen.

Es war ja Mitte der achtziger Jahre inzwischen auch fast ein Akt des Widerstands, nicht wegzugehen und sich trotzdem nicht anzupassen. Man hatte ja das Gefühl, die lassen alle die gehen, die ihnen nicht genehm sind. Und dann hat man sich gesagt, den Gefallen tue ich ihnen nicht.

Ich habe gesagt, das ist mein Land, ich lebe hier, mir gehört ein Stück davon, und ich bin hier nicht zu Besuch.

Aber die haben ja nicht das ganze Land ausreisen lassen können. In die wieder leerstehenden Wohnungen sind die nächsten gezogen. Das war natürlich eine andere Generation. Viele von den Leuten aus meinem Jahrgang, die hier geblieben sind, die sind dann einfach normal geworden.

Zum Ende der DDR habe ich Berlin nur noch als Friedhof in Erinnerung.

Die Zeit zwischen meinem Weggang und der Wende dauerte dann nur kurz, drei Monate. Plötzlich war die Desorientierung nicht mehr nur an mein eigenes Schicksal geknüpft, sondern hatte alle erfaßt. Der Unterschied war nur, daß ich mit der DDR vorher abgeschlossen hatte.

Ausblicke

Irgendwann hatten wir endlich die große Wohnung mit Flügeltüren und Parkettboden in der Mommsenstraße in Charlottenburg gefunden, da war alles perfekt, und dann mußte ich weggehen und mich trennen. Seit 1994 wohne ich wieder im Prenzlauer Berg, im alten Quartier, aber unter veränderten Vorzeichen.

Gelegentlich treffe ich noch Leute, mit denen ich zur Schule gegangen bin, im wesentlichen Prolls, die hier geblieben sind, aber auch andere, die zwischendurch mal weg waren. Die meisten meiner damaligen Freunde habe ich aus den Augen verloren. Ich staune manchmal, wenn mich Leute plötzlich irgendwo in der Stadt begrüßen und ich dann nach und nach dahinterkomme, wer das ist, die sehen alle viel reifer aus als ich, die sehen so richtig wie Rentenkasse aus.

Nach der Wende arbeitete ich eine Weile in Hellersdorf. Das Komische dabei ist, daß jetzt ein Teil der Prenzlauer-Berg-Bevölkerung dort lebt. Es gibt Leute, die haben früher in der Kastanienallee oder am Kollwitzplatz gewohnt, in diesen mittlerweile wunderbar renovierten Gegenden, wo sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Mit denen ist eine bestimmte Farbe aus dem Prenzlauer Berg verschwunden.

Wir wollten also eine Aktion gegen die überhöhten Gewerbemieten machen, und die Frage war, welchen Namen geben wir der Sache. Wir saßen in der Kneipe, als einer sagte, wir nennen das einfach wieder WBA, nur mit einer anderen Bedeutung, nämlich »Wir Bleiben Alle«.

Von den Leuten, die hier wohnten, sind viele, viele weggezogen. Wessis rücken nach, und wenn nicht Wessis, dann doch Leute, die einfach heiß auf Prenzlauer Berg sind. Die meisten sind junge Singles. Gegenüber ist ein Haus, das haben irgend­welche clevere Typen gekauft und wieder verkauft an lauter bayrische Eigentums­wohnungsbesitzer. Und das ändert eine Menge.

Man dachte doch, daß die Bourgeoisie, und besonders ihre Elite, eine gewisse Kultur hat. Hat sie aber offenbar nicht. Jedenfalls nicht diejenigen, die man bisher das Vergnügen hatte kennenzulernen: Hochstapler, Miethaie, Postenschieber, Jobjäger, Subventionsbetrüger, Aufbau-Ost-Abkassierer. Der Zynismus dieser Botschafter und die Unbarmherzigkeit des neuen, westlichen Lebens hat angefangen, historisch zu sein. Vertrauen wagen würde heute nur noch Gelächter auslösen.

Wir sind sehr froh, daß wir diese Räume haben, und bangen von Jahr zu Jahr, daß wir sie wieder verlassen müssen. In unseren alten Räumen befindet sich jetzt wieder so eine Art Theater. Marina Lehmann, eine Russin, hat sie gekauft. »Nostalghia« nennt sie ihr Zwischending aus Kneipe und Kammertheater. Sie versucht, an die Tradition der Berliner Exilrussen der zwanziger Jahre anzuknüpfen, doch ich finde, das ist dort alles sehr salonmäßig und ziemlich geschmäcklerisch. Allerdings die Zuschauer, zu neunzig Prozent Russen, sind wohl ganz begeistert, und es ist immer voll. Da fragt man sich schon, was machst du hier um die Ecke falsch, daß es nicht immer ausverkauft ist.

Es ist mittlerweile so, daß ich das Haus nur dann verlasse, wenn ich denn unbedingt muß beziehungsweise wenn ich es nicht mehr unter dieser Decke aushalte. Eine Aufsuchung von Attraktivitäten allerdings steht nicht an. Ich wüßte auch nicht, was. Die meisten Cafés, in die ich früher ging, waren deshalb interessant, weil man dort mit großer Sicherheit Menschen treffen konnte, die man kannte. Heute ist diese Gewißheit überhaupt nicht gegeben, mit Ausnahme eines winzigkleinen Cafés hier am Rande vom Kollwitzplatz, dieses Lampion. Alles andere sind völlig Fremde, mit denen ich einfach nichts zu tun habe. Nicht, daß ich sie verabscheue, sondern ich habe mit denen einfach nichts zu tun.

Am Ende wird es so sein wie in Paris, da stimmt dann dieses schräge Bild von Prenzlauer Berg als Berliner Montmartre wieder. Die Touristen gehen hin, weil es ein berühmter Künstlerbezirk ist, doch statt der Künstler finden sie Peepshows. Inzwischen halten sich die Touristen am Kollwitzplatz und am Wasserturm gegen­seitig für eingeborene Künstler. Ich wohne mittlerweile ganz am Rand, da geht etwas ganz anderes vor sich, da ist es viel lumpenproletarischer, es gibt sehr viel mehr Arbeitslose. Das heißt aber auch, daß die Leute kaum noch konsumieren, und so schließt ein Laden nach dem anderen.

Irgendwann ist die Stufe erreicht, wo der Mythos seine feste Form gefunden hat und Jahrtausende überlebt. Der Prenzlauer Berg muß nie wirklich existiert haben, der Mythos reicht aus. Man sollte ihn fördern. Der Geist schwebt darüber, und damit ist die Sache gelaufen.

Für mich ist dieses Kapitel durch veränderte Lebensumstände abgeschlossen. Aber auch für die meisten anderen, die sind nämlich jetzt alle vierzig und nicht mehr dreißig, und das ist das Alter, wo man sich zurückzieht, vereinzelt, um für sich selbst zu sein.

Gerade hier im Prenzlauer Berg kann man noch viel von dem entdecken, was an die Vorwendezeit erinnert oder daran anknüpft. Am letzten Sonnabend zum Beispiel, als ich mich in der Kneipe vor der Haustür mit Freunden zum Frühstück traf, saßen am Nebentisch lauter Frauen aus meiner ehemaligen Frauengruppe. Alle paar Wochen machen sie hier ein Frauenfrühstück. Das gibt es noch, daß sich die Leute aus den alten Zusammenhängen treffen, ohne damit den alten Zuständen nachzutrauern.

Ganz unverständlich sind mir heute diese Kämpfe, wer nun wirklich der »Prenzlauer Berg« war. Da gibt es einige, die sich für die Begründer von irgendwas halten. Diese gewissen Arroganz, die eigentlich auch kunstfeindlich war, weil nichts Neues richtig zugelassen wurde, war damals schon zu spüren.

Nach der Wende hat sich das Verhältnis zum privaten Raum geändert. Früher war die Haustür immer offen. Erst seitdem die hier gebaut haben, gibt es unten eine Klingel. In den achtziger Jahren kam es oft vor, daß nachts noch jemand an der Wohnungstür klopfte, und auch ich war viel bei anderen Leuten, denn weil man kein Telefon hatte, traf man sich spontan. Heute erschrickt man fast, wenn in der Nacht plötzlich jemand klingelt. Es ist inzwischen Normalität, daß man sich telefonisch ankündigt, aber wir versuchen in letzter Zeit wieder öfter, unangemeldet einfach irgendwo vorbeizugehen.

In letzter Zeit gehe ich am Sonntag immer auf den Baustellen spazieren. Dabei habe ich festgestellt, daß ich mich am Potsdamer Platz in Anbetracht der Baukräne ziemlich gut entspannen kann. Bei dem ganzen Verhaftetsein finde ich es nötig, bestimmte Sachen wieder mit einem Blick von außen zu betrachten.

Mich hält hier nichts mehr, das ist eine abgeschlossene Sache.

Meine Gefühle habe ich inzwischen mehr aufs Land verlagert. Ich spinne mich da nicht ein in eine Idylle und lenke meine Aufmerksamkeit nicht nur auf Radieschen. Ich versuche schon, mir einen Blick für Stadt zu erhalten, und will auch weiterhin Stadt und Städtisches fotografieren. Aber ich muß deshalb nicht immer hier sein. Es ist schon ganz gut, wenn ich die Gegend immer mal von außen sehe und wieder herkomme.

Ich dachte eigentlich nie ernsthaft daran, wegzugehen von hier, auch nicht nach 1989. Mir gefällt es hier gar nicht so besonders, aber Prenzlauer Berg, überhaupt Berlin garantiert mir ein Maß an Unzufriedenheit, das ich brauche.

Wir haben uns entschlossen, aufs Land zu gehen. Wir haben ein kleines, altes Bauernhaus kurz vor dem Oderbruch ausgebaut und ziehen jetzt nach und nach dorthin. Allerdings mit der Einschränkung, daß wir uns hier ein Zimmer mieten werden, denn uns ganz und gar von Berlin trennen, mit allen Konsequenzen, können wir doch nicht. Aber leben müssen wir hier nicht mehr.

Es ist diese allgemeine Erfahrung hier, daß unwahrscheinlich viele Karrieren wirklich abgebrochen sind. So wie dieser Verwalter, der sagte, das ist ja dann wohl das Ende einer Karriere, nachdem er meinen Laden gesehen hatte, in dem nur Schnulli rumstand. Das hat diesen Trotz noch bestärkt, daß ich mir sagte, so lange sie dir nicht die Daumenschrauben ansetzen, so lange bleibst du hier, auch ein bißchen als ein Zeichen für dich selber und für die Leute, mit denen du zusammen bist. Und dann habe ich mir einen Computer gekauft, mir Aufträge beschafft und einen Mitmieter gesucht.

Für mich bedeutete die Wende, alles Hinderliche abzuwerfen, auch wenn später mit der neuen Gesellschaft neue und völlig andere Einschränkungen kamen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß bestimmte Dinge, die ich ein Leben lang gelernt habe, doch nicht nutzlos waren.

Manchmal denke ich, daß ich die Zeit noch erleben werde, wo sich alles noch einmal umwälzt. Die Deutsche Mark wird nicht ewig sein, das Finanzamt nicht, die sicheren Renten sowieso nicht.